Mittwoch, 19. Oktober 2005

in einer sternennacht.

auf dem balkon, es ist schon dunkel. mein atem dampft und ich halte die arme fest um mich geschlungen, friere. der mond ist keksrund, und ich fühle diesen kreis als loch in meiner mitte.
er kann ihn nicht mehr sehen, den mond und diesen wundertollen herbst. der erste seit 64 jahren, den er scheinbar verpasst. kein anruf mehr, dass er den steinpilz seines lebens aus dem wald mitgebracht hat, und ich ihn zu weihnachten im elterlichen eisfach bewundern könnte, wenn ich dann komme.
momente, wo mir jeder knochen schmerzt, wo ich hilflos mit mir selbst bin, weil mir jede einzelne sekunde durch die gedanken geht, die ich mit ihm ging, bis er starb.
und ich kann die bilder nicht einkleben und ins regal aus dem sinn stellen.

*

der mond, wie er hinter dem hügel am see in den himmel aufsteigt. eine ente quakt und ein hund bellt. ich schließe beim laufen fest die augen. mein atem schneidet, ich bin zu schnell, schinde meine müden beine, trete mich, weil ich lieber im dunkeln liegen würde, reizlos, in einem vakuum. dieses hundebellen, es könnte überall sein.
ich hörte genau dieses bellen nachts in prag, als wir die dunklen strassen zu einer bushaltestelle gingen, tief in unsere warmen jacken versunken. ich hörte es nachts in frankreich, direkt neben dem wald, während ich versuchte, in finsterster nacht die badehandtücher aufzuhängen, die noch herrlich nach salzwasser und sonne dufteten.
ich hörte es als kind, tief in die matratze gedrückt, auf dem hof meiner großmutter, dieses bellen und das gleichzeitige schlagen einer axt die auf holz trifft.
das bellen ist nicht ortsgebunden, aber es passiert nur in der nacht. am tage bellen sie anders, nachts sind die katzen wohl wirklich grau.

*

diese unlust an dingen, die angeblich das salz in der suppe sind. wortnutten. es verpufft, kaum sitzt der erste arsch mit feuchtgeilen pfoten auf seinem bezahlten platz. der glanz stimmt nicht, der 5-minuten-ruhm schmeckt schal, das wahre können könnte doch auf einer ganz anderen bühne… das hier ist die vorhölle, die KITA der netzmenschen. katzengold.
ein schlachtfeld der eitelkeiten. und kaum passiert echtes leben, die liebe nur als beispiel, da wird es zertratscht, vermailt oder in passende sms gepackt, nur für die falschen zugänglich.
der inhalt verbindet, nicht das medium. nicht auf meinem mist gewachsen, aber verinnerlicht bis es kracht.

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auf der anderen seite diese herzliche affinität zu bestimmten. gedankenmomente, wo mir alle herzkammern schier überlaufen, so phantastisch finde ich die und den, mit all deren geschichten. ich möchte sie behalten für immer, stricke die gedanken, wie wir telefonieren, später, dabei "damals" sagen, mit weißen haaren und einem strunk trauben in der hand. es gibt sachen, die sind für immer, aber sie pflegen es nicht plump daherzupalavern, ziehen sich lieber fein durch das alltägliche.
das schöne : die merken das auch.

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seltsam, von älteren damen am telefon mit "liebchen" angesprochen zu werden. ich fragte mich, wie mich meine omas und opas jetzt nennen würden, oder generell genannt hätten, hätte ich sie überhaupt je gehabt, oder etwas länger.
ich opa-lose und frühe omawaise. der eine über alle berge, quasi postkoital, der andere im krieg über polen in seinem flieger abgeschossen. er war professor der physik und hätte mir einen adelstitel in den namen gejubelt, wären nicht beide eltern unehelich gewesen. war ja krieg.
die eine oma teilte ihr bißchen butter mit den stadtspatzen und kämpfte ihr kurzes leben lang immer für das recht der tiere, die andere brachte eine sau über die schlechte zeit und dann ums leben. blutsuppe und brot. sie hat der schlag getroffen, es war das erste mal das ich meinen vater richtig heulen sah.
als der erste familienkater starb ging er in den garten zum weinen, aber es dauerte länger. der mensch und seine trauer ist seltsam.

nur mein liebster familienmensch, mein urgoßvater, den alle immer für ein bißchen gaga hielten, und der mit mir im pyjama über den deich in stade ging, der hatte einen spitznamen für mich. es war der erste ausserelterliche, und er war "lütte sprotte", gesprochen "lüdde sprodde".
er wäre ein wahrer freund, würde er noch leben. aber er wäre 107 jetzt, und das wäre absurd.

*

passend zum opa den ganzen tag hans albers im kopf gehabt, fatalerweise ein lied, dessen text mir nicht geläufig ist. so sang ich durchgehend "in einer sternennacht am hafen…" und wußte dann nicht weiter, was zu songus interruptus führte , mit zwanghafter wiederholung dieser einen liedzeile.
üben für später, mit 107. ur-opa malte wär stolz auf seine senile sprotte.

seemannsgarn | © Lu um 00:14h | keine meldung | meldung machen?