Samstag, 16. August 2008

ein und aus.

Umschalten, Tasche packen, morgen in aller Frühe geht es nach München und ein Stück weiter. Der letzte Teil des Sommelier-Kurses steht an, und der wackelte letzte Woche für mich sehr mit der Aussicht, eine frisch operierte Katze auf die Beine bringen zu müssen.
Pralles Leben. Dazu passen pralle Trauben perfekt, Ablenkung tut gut und wer eine Reise macht, der kann was erzählen. Das hat mein Ur-Opa Malte immer lauthals durchs Telefon gerufen, weil wir ja schließlich weit weg wohnten, da muss man sehr laut und deutlich durch den Apparat brüllen.

Was ich morgen Abend leider verpassen werde, ist meine geliebte und gefilmte Tierärztin, welche in der WDR-Sendung "Tiere suchen ein Zuhause" das Underdog-Projekt vorstellt, welches noch einzigartig hier in NRW ist. Sie, Katja Beyer, und zwei Kollegen machen neben ihrem Praxisbetrieb an verschiedenen Orten in Düsseldorf Sprechstunde für die Tiere von Obdachlosen, und zwar umsonst.
Schaut Mal rein, macht nach oder findet die Ärztin einfach nur gnadenlos nett, wie ich und die Fellchen auch.
Ich hoffe, ich kann es nächste Woche nach meiner Rückkehr online nachholen.

Wo war noch gleich mein Ticket?


was am ende bleibt-

ist ein Häufchen Asche, ein Händedruck, und das Gefühl, dass es beim ersten Mal schwieriger war.
Heute bin ich nicht aus dem Raum gegangen, als der Ofen geöffnet und Katze Janis hineingeworfen wurde. Aber ich habe mich weggedreht.
Heute war auch nicht die Frau vor Ort, die im Dezember das Leaderfellchen in Empfang genommen hatte, sondern ein Mann, der nicht fragte, sondern seiner Arbeit nachging. Das machte die Sache zwar unemotionaler weil keiner fragte woran und warum, und auch der Wurf in den Ofen war mehr wie ein Brikett, aber ich nehme da keinem etwas übel. Sie war so, und er ist so, und es machte mir die Sache ein wenig einfacher. Ich bin dankbar, dass es so etwas gibt, fertig.
Sterben ist so, verbrennen geht so, draußen schien die Sonne und das Leben macht sowieso weiter.
Nach einer Stunde konnten wir die noch warme Dose in Empfang nehmen.

Was am Ende bleibt, ist ein Häufchen Asche und sehr viel vergangene schöne Zeit.

16august2008


Freitag, 15. August 2008

24 stunden.

Auf die Minute vor 24 Stunden habe ich ein letztes Mal in den Korb gegriffen, ein letztes Mal -die anderen haben noch gelacht- auf den Korb geklopft, konnte mich nur schwer lösen.
Die Helferin erklärte den kurzen Ablauf der OP, ich kraulte Janis den dünn gewordenen Latz. Vor der Tür dann doch geheult, aber irgendwie froh gewesen, dass jetzt was passieren würde, Bewegung in die Sache kommt.
Augen zu und durch, hab ich gedacht.

Es ging letztes Jahr zirka zur gleichen Zeit los, als das Leaderfellchen in die ewigen Jagdgründe ging. Janis kotzte, ihr Magen gurgelte, sie nahm in relativ kurzer Zeit an Gewicht ab, und an Unruhe zu.
Fast 14, sagte ich zur Tierärztin, als wir sie zur Untersuchung brachten. Der Befund: Schilddrüsenüberfunktion.
Sie bekam Tabletten, sie sie nicht mochte, der Magen beruhigte sich, sie nahm im 100Gramm-Bereich wieder zu und das einzige Problem war, täglich die Tablette in die Katze zu bekommen. Sie wurde ruhiger, die Unruhe wich einer Gelassenheit, also alles im Lot.
Vor ein paar Wochen dann fing das Übergeben wieder an.
Meist täglich, der Magen gurgelte nach den Mahlzeiten laut, Blutabnahme, neue Dosierung des Schilddrüsenhormons, Geduld haben.
Janis spuckte Mal mehr, und mal nicht, aber wenn, dann roch es erbärmlich, und meine Alarmglocke bimmelte jetzt sehr laut und deutlich.
Zurück aus Amsterdam stand als nächstes eine komplette Untersuchung auf dem Programm, welche diese Woche stattfinden sollte. Janis ging mir aber letzten Samstag plötzlich leicht in die Knie, sehr plötzlich war sie schwach und bekam Schlagseite. Ich rief die Tierärztin an, und machte als ihr Arm ein paar Tests mit ihr, und glaubte zu Wissen, dass sie aufgrund des Erbrechens ein wenig schwach im Magen war. Ein sehr guter Schluck Wasser mit Traubenzucker, einer Messerspitze Meersalz und das alles mit Milch eingefärbt brachte der Katze Elektrolyte, Blutzucker und Appetit zurück, der Sonntag verlief ruhig und so konnte man bis Montag warten.

Den Montag habe ich unten längst beschrieben, ab da Sorge und mein Versuch, positiv an die doch angstbesetzte Sache heranzugehen. Es sah ja auch gut aus. Gute Blutwerte, beim röntgen keine sichtbaren Geschwüre, Lunge frei, Katze guter Dinge und sehr kooperativ. Alle zufrieden.

Augen zu und durch, hab ich gedacht, und wir stiegen in Auto 'Ügo, und ich sag noch, dass der Sonnenschein und dieses tolle Wetter bei mir kein gutes Zeichen seien, weil in meinem Umfeld immer bei schönstem Wetter und gegen Mittag diese Dinge passieren. Trotzdem war ich ruhig und sagte mir die ganze Zeit, dass es ja jetzt nur besser werden könnte, setzte mich zu Hause an den Klapprechner, schrieb auf, was passiert war und spielte die Zeit über Runde um Runde Freecell und hatte Janis Spielfisch in der linken und das Mobilfon fest im Blick.
Sie sagten, sie würden spätestens um halb elf mit der Operation beginnen, der eine Arzt hätte sich krank gemeldet, die Chirurgin müsse einen Teil der Sprechstunde abfangen.
Um halb elf zählte ich jede Minute un drückte den Spielfisch.
Ich ging in Gedanken mit durch die erste Spritze, durch die Narkose, das betten der Katze, Tubus, Blutdruckmanschette, EKG, steril machen, Bauch rasieren, öffnen ...
Um halb zwölf dachte ich, jetzt wird richtig operiert, nicht mehr nur geschaut und dann angerufen.
Um Viertel vor zwölf ging ich mit dem Mobilfon durch den langen Flur zu M. rüber, und sagte, dass wir jetzt zeitlich auf der sicheren Seite wären, als das Mobile in meiner Hand klingelte.
Ich hörte zu und sagte, ich dachte, sie wären schon lange bei der OP, und sie sagte, es täte ihr leid, und jetzt würde man das ganze Ausmass sehen und neben dem einen Tumor hätte Janis auf dem gesamten Darm kleine Stäbchen, Gewebeveränderungen, Metastasen in den Startlöchern. Würde man sie nun operieren, würde das Gewebe mit diesen Veränderungen sehr sehr schlecht (wenn überhaupt) heilen.
Eine Darm-OP ist ein schwerer Eingriff, Katze Janis hätte lange Zeit nicht fressen und trinken dürfen, Infusion, schwere Medikamente, Schwäche und Schmerzen wären die nächsten zwei Wochen sicher gewesen.
Sie sagte, es täte ihr leid, und wenn es ihre Katze wäre, sie würde sie auch schlafen lassen.
Sie wäre ganz brav gewesen und ganz ruhig eingeschlafen.

Ich sagte, wir bräuchten fünf Minuten.

Ich sagte, lassen sie sie schlafen.
Ich dachte, jetzt stirbt sie friedlich, und ich bin nicht dabei.

Das alles ist der Kampf gegen Ego.
Ego will nicht gehen lassen, den Strohhalm nutzen, die 2%, die sie dann doch gehabt hätte.
Ego trauert weil Ego fehlt jetzt etwas.

Heute Morgen kam eine SMS einer Freundin:
Liebe heißt auch, loslassen können.
Sie ist jetzt bei Dizzy, freu Dich darüber und denke in Liebe an die beiden, und Danke für die langen Jahre, die Du mit ihnen hattest.


Heute Abend holen wir sie aus der Praxis, wo die OP stattfand. Dann werden wir sie, wie das Leaderfellchen auch, für die anderen mit nach Hause nehmen und hinlegen, damit der Rest vom Rudel weiß, das sie nun weg ist, und das sie nicht mehr suchen müssen.
Morgen fahren wir nach Holland und lassen sie verbrennen.
Bald stehen zwei Töpfe in der Küche zwischen den Kräutern.

Mein kleiner Trost: Sie hatte ein strotzgesundes Leben im Rudel, ihr fehlte kein Zahn, ihre Organe waren fit und ihr Gemüt immer sonnig. Sie wurde nie schlecht behandelt, und ich habe sie von der ersten Milchflasche, die ich ihr in den rosa Schlund stopfte, heiß und innig geliebt.
Ihren Namen bekam sie von Janis Joplin.

Und jetzt weiter ein- und ausatmen.
Ein und aus.


Donnerstag, 14. August 2008

† Janis Jones.

13august2008

Der dritte Fall ist eingetreten, gerade als wir uns zeitlich auf der sicheren Seite fühlten.
Die Entscheidung, ein langes und schönes Leben nicht in einer Tortur und Qual enden zu lassen, ist hart, wenn man eine äußerlich fidele Katze in die Operation gibt.
Die Tierärztin meinte, sie wäre sehr brav und friedlich gewesen.

Jetzt ist sie bei ihrem Bruder, dem Leaderfellchen, und somit in liebster Gesellschaft.


grundtiefe gute grundgefühle.

Während mir gestern irgendwann das F abhanden kam, und in manchen Wörtern einfach so ehlt (vermutliche Diagnose: Katzenhaar unter Tastenkontaktstelle zum Klapprechnerhirn), scheint nun draußen die Sonne, und Katze Janis Jones wurde eben von zwei Menschen mit sehr kalten Händen an Menschen übergeben, die sehr warme Hände und gute Worte übrig hatten.

Bester Fall, und seit eben erst auf dem Tablett der Möglichkeiten:
Der Tumor ist nicht in die Dünndarmwand reingewachsen, sondern drückt sie nur nach Innen, wird entfernt, fertig.

Bis eben gedachter Fall, nicht ganz so toll aber nun gut:
Der Tumor ist nach innen wie außen gewachsen, wird inklusive dem Stück Dünndarm entfernt, Darm ineinandergeschoben und vernäht, lange und anstrengende Rekonvaleszenz mit Futterverbot und Infusionen, fertig.

Schlimmster Fall: während der OP sehen sie sogenannte Satelliten, die der Tumor schon produziert hat, Tumor selbst sieht auch böse aus, 'lohnt sich nicht' weil sie in ein paar Wochen erneut Probleme hätte, soll heißen, sie lassen die Katze nicht mehr aus der Narkose aufwachen.
(will ich weder dran denken noch hören noch lesen)

Alles wird gut, das habe ich gestern zirka so 95 Enten im Südpark versprochen. Ich habe ein gutes Gefühl und bin ruhiger als die letzten Tage.

Wenn mir jetzt noch jemand mein f - ah, da ist es ja!


Mittwoch, 13. August 2008

order # 13.08

Jonathan?

Maam?

Jonathan - bitte rette heute mein Leben und morgen das andere.

Natürlich, Maam.


Montag, 11. August 2008

heute.

Da bleiben extra alle ohne Frühstück, nüchtern, weil des Leaderfellchens Schwester zur Blutabnahme muss. Sie (sowieso), die zwei anderen Fellchen, ich, und gemeinsam müssen wir nun von halb sieben bis zehn Uhr ausharren, während die Mägen knurren. Ich, mit Kaffee am Klapprechner, werde beim Mails abrufen und Zeilen lesen aus drei Ecken des Arbeitszimmers angestarrt, fühlbar. Hebe ich den Blick und bekomme Augenkontakt, wird in Diesellautstärke losgeschnurrt, den Blick auf den Korb geheftet wo die Futtervorräte verstaut sind.
Nix, sage ich, und stehle mich in die Küche, stecke mir ein paar Blaubeeren in den Mund.
Böse Blicke, logisch, und ich lasse die letzte wieder zu den anderen Blaubeeren plumpsen.

Endlich zehn Uhr, wir sitzen im brechend vollen Warteraum der Tierärztin. Alle haben schicke Taschen und Körbe, die gut durchdacht zu öffnen und mit sperrigen Tieren zu befüllen sind. Katze Janis Jones guckt missmutig aus einem mintfarbenen Korb mit fliedrig anmutenden Frontgitter und Verschlüssen. Farblich angelegt an die Serie, bzw. die Zeit, als Miami Vice angesagt war. Der Korb ist ein Frontlader, Janis Jones aber sperrig, und somit zähle ich frische Kratzer an den Armen.
Als die Frau neben mir etwas irritiert guckt, sage ich 'Heizöl!', und sie 'Aah.' und ich noch kurz, weil ich das Gefühl hatte, ich müsste es erklären um nicht direkt bei allen unten durch zu sein: 'Den Korb verstecken wir im Keller, außer Sichtweite, und er wird erst bei Bedarf und genau 30 Sekunden vorher hoch geholt, und da letzte Woche Heizöl geliefert wurde, und wir den Heizungskeller haben-'
Weiter kam ich nicht, weil in genau diesem Moment ein schwarzer Mops mit Mensch am Leinenende das Wartezimmer betrat. Ich quietschte auf, Mops schnaufte zurück, holte irgendwie komisch Luft, machte dann einen Satz auf mich zu, roch am Korb und bekam einen schlimmen Niesanfall. Alles voll Mopsrotz, Katze Janis Jones hatte nur noch blanke Verachtung für ihn übrig.
Im Kopf machte ich mir die nächsten dreißig Minuten Gedanken, wie man ein volles Wartezimmer eines Veterinärs gut durchdacht an den Mensch bringen könnte. Da kommt alles zusammen, Professor Brinkmann wirkt dagegen langweilig wie die Bäckerblume.
Der Engländer mit dem Terrier Max, die beide durchgehend Geräusche machten. Die alte Frau mit irgendetwas winzigem im Jutebeutel, welches sie jede Minute anschnalzte. Die Frau mit Rapper-Sohn und drei kleinen Katzen. Der Manager-Typ mit dem Sofa-Hund seiner Frau (Tiffany), die entzündete Zitzen hatte, was ihm irgendwie unangenehm war, jedenfalls lutschte er in der Wartezeit alle Brausebonbons im Wartezimmerglas weg und guckte verschlossen in die Runde.
Die Eishockeyspielerin mit ihrem Kater 'Haudegen', der sich mit einem Marder geprügelt hat. Und so weiter.

Blutabnahme. Zwei Mägen knurrten gegen halb zwölf im Doppeltakt, und ich kann nur Loblieder auf diese Tierärztin singen. Keinen Mucks von Katze Jones aus dem Handtuch, keine schnellen Bewegungen, keine Hektik, auch wenn draußen die Hölle los ist.
Nebenan niest der Mops, Katze Jones brummt aus dem Handtuch.

Leider und am Ende ein ertasteter Knubbel im Darmbereich, morgen gleich und in der Frühe mit der alten Dame wieder nüchtern zum Ultraschall zum Facharzt.

Das wundersame und positive am Ende: Ich habe keine Ahnung wie viele Taxifahrer es im Düsseldorf gibt, aber genau der eine, alte Freund, mit dem es seit Monaten nicht klappt, sich nach Jahren auf einen Liter Kaffee zu treffen, genau dieser steht plötzlich mit der Taxe in der Einfahrt und bringt Katze Jones und mich und unsere knurrenen Mägen nach Hause.

Mögen alle Götter morgen wieder ein Auge auf uns haben, und lassen den Knubbel nicht das Ende der Welt sein.
Dann gibt es Weihnachten eine schicke neue Tasche, mit Deckenklappe und ohne Heizölduft.


huch. (oder auch: die geister die ich so nicht rief...)

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netz-welt | © Lu um 18:37h | keine meldung | meldung machen?

Samstag, 9. August 2008

order # 12.08

JONATHAN!

Maam?

Jonathan, wo warst Du gestern zur Rechtschreibprüfzeit?

Maam?

Jonathan, der Text hier unter diesem. Unter aller Sau!

Maam, den haben Sie aber geschrieben.

Eben, Jonathan, eben. Und Dich habe ich, um mich auf so einen Mist aufmerksam zu machen.

Maam, mit Verlaub, Sie waren viel zu müde und wollten eigentlich ...

Wollen, wollen. Häng bitte ein Laken drüber bis ich zurück bin und diese Misere da unten bereinigt habe, ja?

Natürlich Maam. Ich hole "Das Laken des Schweigens" aus den unteren Gemächern und hänge es dezent darüber.

Danke.

jonathan unter deck | © Lu um 14:04h | keine meldung | meldung machen?

Freitag, 8. August 2008

reisenotizen./ amsterdam und die drei tage.

Bis ich die Rolltreppe in die Höhe fahre habe ich noch keine Ahnung. Dann steht es dort zweifach

Amsterdam
über Duisburg, Oberhausen, Utrecht

Heissa!
Zwei Stunden Zugfahrt aussitzen. RockHard gelesen, die erste nach zwanzig Jahren. Ein BonBon, zig Runden Freecell auf dem (da noch funktionierenden) Mobilfon, Vorfreude genießen.
Als wir nach zwei Stunden Zugfahrt aus dem Bahnhof kommen: Kulturschock. Ein randvoller Ameisenhaufen, wo jede Ameise mehrere Aufgaben gleichzeitig verrichtet könnte in etwa das beschreiben, was mein erster Eindruck dieser Stadt ist. Dazu Dönerduft.

Dann erster Schock im nicht-Hotel, aufgrund der akuten Schönheit des Zimmers! Eine halbe Stunde rumlaufen und anfassen aller Dinge, Plasma-TV an und aus, die kalt gebrachte Flasche Champagner direkt weggemacht (zwölf Uhr Mittags),
die Füsse der Badewanne abstreicheln und fotografieren, etcetera.
Zweiter Schock: Fahrrad ausleihen und Dank Champagner und Radrasse (Hollandrad) über die Amsterdamer Fahradautobahn kämpfen. Tapfer geschlagen, prompt wieder stocknüchtern und dann das ganze Programm:
Grachten gucken, rein in Läden, raus aus Läden, Vondelpark,
kleine Biere und große Emotionen.
Abends noch schnell ein Photo mit mir und der Badewanne gemacht, das letzte übrigens in dem Jahrzehnt, welches ich um Mitternacht auf immer verlasse.
Frisch gekämmt wieder in den Hollandrad-Feierabendverkehr eingefädelt und zu der Gracht gerast, wo Herr M. das Restaurant Le zinc... et les autres ausgesucht hat. Sehr sehr gut ausgesucht hat!
Der erste Abend nach deren Sommerurlaub, das Personal ausgeruht und sehr nett, die Karte macht die Auswahl schwer wie das Dessert, die Weine, die Atmosphäre: perfekt.
Mein Highlight: Wasabi-Kaviar! Klitzekleine grüne Perlen auf der Lachsscheibe, und kaum hat man die kleinen Dinger im Mund, bringt man sie zum bersten, knacken, lässt sie zerplatzen und diese Ahnung von Schärfe breitet sich aus, bleibt einen Moment und ist dann wieder weg. Toll!
Als mein Vorspeisenteller eingesammelt wird, befindet sich keine einzige Perle mehr darauf.
Nach über drei Stunden, vier Tellern und vier Weinen und einem Dessert, welches den besten Esser unter zwei Minuten in die Knie zwingt wie Bleienten-on-wheels zurück in die Gemächer. Dazu Nieselregen und leckere Luft.
So gefällt mir Amsterdam ausgesprochen gut.

Dann Geburtstag. Mein Mobilfon gibt zeitgleich auf und geht in Urlaub, Ansagetext 'Kein Netzempfang' statt netter Anrufe.
Bescherung noch vor dem Frühstück, ich freue mich über Knarre und Möpse, über Paris in bewegten Bildern und über die Tatsache, das alles in diesem Umfeld aus den Verpackungen piddeln zu können, über die Sonne hinter den schweren Vorhängen und die schwallartig eintrudelnden SMS, wenn das Mobile einmal eine schwache Minute hat und sich ins Netz einklinkt und ich freue mich überhaupt.
Der erste Anrufer ist mein Gynäkologe, der mir in schon fast alter Tradition die Mailbox vollsingt. Da kann sich der ein oder andere angebliche Freund gerne eine Scheibe oder das ganze Endstück von abschneiden, Geburtstage komplett vergessen ist für mich so ähnlich wie kleine Babyigel in Pfützen schubsen, so!
Tagsüber viel auf Grachten gefahren, drüber gelaufen und nebenher marschiert. Keine Fritten gegessen und viel im Schatten gesessen, die Hitze saugt an allen Enden.
Das Abendessen dann bei einem Geheimtippitaliener. Muss man ja immer mit aufpassen, jeder Geheimtipp hat einen spitzen haken, bei diesem war es die Weinbegleitungsfrequenz gepaart mit der Hitze. Essen tadellos, aber selbst bei s_e_h_r langsamen essen des Essens ging es gefühlt Schlag auf Schlag, bzw. Schluck auf Schluck, und da dieses Restaurant im Obergschoß einen großen Hauses weilte und wir somit auch, und alles sehr warm war, konnte ich wieder sehr viel später lakonisch lallend feststellen, dass ich abgefüllt (Dessertwein, Baby) besser Rad fahre als auf Absätzen durch Amsterdam zu haspeln. Amen.
Beim fluchenden abschließen des Rads hörte ich meinen Ur-Opa Malte noch von hoch oben johlen, dass man so jung ja nich mehr zusammen käme, nech, und ich immer daran denken soll, ich lütte Sprotte, dass meine 8xUrgroßväter schließlich Wikinger waren. So.
Ich, Urenkelin sämtlicher Männer mit Bärten und Fellen lag nunmehr niedergestreckt von Dessertwein und Biscotti in voller Länge neben dem Mann, der noch vor mir und unter fünf Sekunden in einen komatösen Schlaf fiel. Die Mitternacht indes war noch eine Stunde fern, das zum wilden feiern im Alter.

Dann schon Donnerstag. Der sogar tatsächlich mit Donner und viel Kaffee dazu. Abschlußtagsdinge eben.
Erst Zimmer räumen, dann dieses eine kleine Restaurant suchen, das man am ersten Tag nicht, aber jetzt gern würde, dieses einfache mit Suppen und Salaten, und dem roten Kater vor der Tür. Stundenlanges Grachtenabschreiten, hier sieht tatsächlich alles gleich aus. Später dann zum nächsten Donnerwetter erst mal hier, und dann dort gelandet, aber der beste Ort um Unwetter auszusitzen scheint tatsächlich das gute, alte Casinos zu sein.
Insgesamt verschwinden wir für zwei Stunden im Lido, zwischen sehr vielen Damen mit schweren Ringen und einem Hang zu Bier am Nachmittag, Zigaretten und dem Glücksspiel an bunten Automaten.
Viel gewonnen, viel verloren, viel Spaß gehabt.

Kurze Stunden danach im Düsseldorf die drei Fellchen feste in den Arm gepackt, ein großes Glas Wein, ein mitgebrachtes Unwetter und sehr viel tiefen Schlaf.

Eindruck: Die Amsterdamer sind nette Menschen, meist auffallend hübsch und schön bunt angezogen, die zu schnell auf zu alten Rädern fahren, die scheinbar alle unglaublich gut bezahlte Jobs in unglaublich schicken Souterrain-Büros ausüben, zu viel Brot essen in sehr viel Freizeit essen und ansonsten viel mit Booten machen. Die Rentner leben im Casino.
Es gibt zwei Ecken, die sehen aus wie Hamburg (einmal Hoheluftchausse, einmal Hafen), es gibt ein wenig Paris und eine Ahnung von London.
Man kann sich super über die Landesgrenzen unterhalten, meint, der Deutsche deutsch, der Niederländer holländisch, keinen störts, verstehen tut man sich eh. Das geht übrigens nur mit Niederländern. Jeder Taxifahrer ist indischen Ursprungs und spricht perfektes Englisch.
Die Touristen sind zu erkennen an ihren Amsterdam-Führern, an ihren knallroten Augen oder an den Leihrädern von DutchBike. Viele Amerikaner.

Hier sachte drücken und das alles in Bildern sehen.

(Bei Reise-Interesse kurze Mail an mich, dann rücke ich die Adressen zum Text heraus. )


selbstbefruchtendes mantra. achtung, dies ist keine übung!

ich komm zu nix!
nach der suppe ist vor dem text ist eine rose ist eine rose.
zurück im düsseldorf seit geraumen 16 stunden, dazwischen wein, nicht geweint, und süßer schlaf.

ich bin gleich da, wieder, wirklich.
(im hintergrund brühengeräusch und pj harvey.)