Dienstag, 4. September 2012

04-09-2012

Fast zwei Jahre ist es her, dass ich im Wallis die Trauben habe baumeln sehen, die Reisenotiz dazu findet sich hier.

Jetzt gibt es einen sehr feinen kleinen Film dazu, der die Tage auf 3Sat lief.

Ich kann es übrigens kaum erwarten, dort mal wieder durch die Rebzeilen zu stolpern und mit Kuhglocken im Hintergrund einzuschlafen.


Donnerstag, 30. September 2010

Reisenotizen Schweiz: Domaine de Mythopia, oder "Eine Führung durchs Paradies"

(Und plötzlich stehst Du sehr hoch auf einem Berg und denkst: Och!)

Man kann viel schreiben, denkt man, hat man etwas Schönes durchgemacht. Notizen, Eindrücke, und als Mitbringsel packt man am Ende einen Miniatur-Hokkaido in die Arme des heimischen Ganesha, der aussieht wie ein kleiner oranger Barbapapa. Also der Hokkaido, nicht die Gottheit.
Dann legt man den gehüteten Kern eines Weinbergpfirsichs auf die sichere Seite, fummelt ein paar Samen vom wilden Fenchel aus der Jeanstasche, bevor diese in die Trommel der Waschmaschine wandert, gießt den letzten Tropfen des gestern im Weinberg entkorkten Weines ins Glas.
Man kann viel schreiben, denkt man, und dann hält man inne –

(Und plötzlich stehst Du mit Dir im Grünen und bist mit Dir grün, und dann: Ach!)

Nachtzüge, denkt man ja auch so, Nachtzüge sind praktisch. Man fährt in der Zeit, wo die Schalter eh auf OFF sind, bekommt nichts mit, nutzt also die Auszeit und ist man da, ist man eben auch da. So war das dann doch nicht, so einfach. Und in Bonn, es war so gegen Mitternacht, merkte ich dann am eigenen, quasi unbekleidetem Leibe, warum es toll ist, nutzt man denn die Jalousien und ist für sich, beim Umkleiden. Und nicht plötzlich und flott, wie so ein Zug nun mal ist, auf einem noch belebten Bahnsteig, mit Zahnbürste im Mund und abwesender Oberbekleidung. Hallo Bonn!

Ankommen kann dann auch phantastisch sein, nach durchrüttelter Nacht im Hamsternest. Sollte das mal wer machen, diese Übernachtfahrt mit der Deutschen Bahn, dann hier ein tatsächlich gut gemeinter Tipp, inbrünstig und ernst: Lehnt die Frühstücksbox ab!
Das, was euch da erwartet, ist menschenverachtend und alles, nur kein Frühstück. Es gibt: Ein abgepacktes Croissant, staubig und unnötig. Einmal Marmelade, einmal Leberwurst in Dose, einmal Orangensaft in Dose, ein drüsches Brötchen aus Pappe und das heiße Getränk nach Wunsch ist ebenfalls nur die Mutter eines Wunsches, aber nehmt nie den Kaffee!

Kaum in Sion angekommen, viel Lebensglück gehabt. Alle Menschen sehr nett, sehr inspirierend, sehr passend, und kennt ihr das? Gutes ist schwer beschreibbar, wenn man Pathos nicht leiden mag, und dennoch:
Lebensglück gehabt. Passte alles.

Später im Dorfcafé (Cafe Du Soleil) unters arbeitende Volk gemischt. Man spricht französisch, trägt Handwerkerklamotte und isst sehr viel Käse in allen Formen, meist aber flüssig aus dampfenden Töpfen und mit Unterlagen wie Kartoffeln, Stippzeug wie Brot, und die Schweiz scheint sehr reich an sauren Gürkchen zu sein. Ich esse den Rösti (Rrröschtieh) meines Lebens, eine ganze Pfanne voll mit fettigen Kartoffelstückchen, Zwiebeln, saure Gürkchen (!), und dazu Fendant, den man hier scheinbar schon mit der Muttermilch bekommt.

24sept2010
(Das ist eine normal große Pfanne, das oben auf ist ein ganzer Käse. Ich möchte nur auf die Größenverhältnisse hinweisen.)

Wir kommen nur auf allen vieren den Berg hoch, direkt unter das warme Plumeau, Berge angucken, einschlafen.
Es ist halb zwei am helllichten Tag.

Beim zweiten Abstieg des Tages, ein paar Stunden später, reißt der Himmel auf und denkt sich, Wasser Marsch. Wir brauchen 45 Minuten. 10 runter ins Dorf, 10 im kleinen Supermarkt, 25 im strömenden Regen mit Plastiktüten bewaffnet hoch Richtung B&B. Dort schlechter Supermarkt-Wein, ein ganzes Weißbrot, viel Käse und sehr zufriedene Laune. Draußen regnet es derweil junge Hunde und Katzen, aber das stört heute niemanden mehr.

24sept2010
(Auf der Straße nach unten, ins Dorf, zum Supermarkt. Mich als Flachlandbewohnerin irritieren die Wolkenhöhen ein ums andere Mal.)

Samstag dann wache ich auf, und denke ein einfaches aber inbrünstiges 'Wow'. Die Berge sind irgendwie überall, wir auf 1200 Metern Höhe und auf Augenhöhe eine Schicht Wolken, welche den Ort Sion unter sich grad abdunkelt.
Vorfreude auf den Tag lässt mich dem Hausherren das Frühstück entreißen, beide im Schlafanzug, macht ja nichts. Wir reden einen wirren Mix aus Französisch, Englisch, Deutsch und seine Laune strahlt mit meiner um die Wette.

25sept2010
(Garten Eden der Reben hat einen Namen.)

Dann ein alter Bus, ein Weinwolf namens Manuka, und eine Führung durch die Rebstöcke der Domaine de Mythopia, dem Delinat’schen Forschungsgrün unter der sehr sachkundigen Obhut von Hans-Peter Schmidt.

25sept2010
(Herr Schmidt und der tote Boden.)

Dieser führt mit leisem Witz und sehr viel Input durch die Reben und erklärt und redet und lächelt und buddelt. Selbst der Regen stört nicht, und am Ende finden wir alle Platz in einer der kleinen Hütten, wo die Holztische sich unter dampfenden Pellkartoffeln, Käsebrocken und Brot biegen und (Hurra!) Wein aufgetischt wird.
Es folgt ein Glas dem nächsten, wir nippen im Rudel konzentriert an den Erklärungen und den Naturweinen, und da muss ich kurz mal anmerken: Naturweine sind das nächste Level nach Bioweinen. Die körpereigenen Geschmacksknospen fahren erstaunt hoch, ob der neuen Eindrücke die da über die Zunge kommen. Bockige Rote, samtweiche gelbe, hier ein Stück Käse, dort noch einmal hineinschmecken –
Und noch einmal. Ich bin begeistert, und würde ab jetzt alles trinken, was Mythopia mir ins Glas lässt, allein um des Erstaunens Willen.

25sept2010
(Der Mensch lebt nicht vom Brot allein...)

Ich mach’s kurz: Ich könnte meine Zelte aufschlagen und einfach so bleiben. Naturwein, Kräuterquark mit Brot, und dann immer diese Berge, mit denen ich innerlich hadere, zetere, sie lieb gewinne. Hier ist alles positive Herausforderung, hier bin ich wach und gut durchlüftet und hier sind Menschen, die 24/7 rein ins Karmakonto arbeiten, dazu an späteren Stellen sicher mehr.

Abends eine gefilmte Fahrt von oben nach Sion, dort Essen, dann eine Fahrt durchs Dunkle hoch auf den Berg.
Schlafe wie ein Stein zwischen all den Alpen und träume, ich würde das Matterhorn per Pedes erklimmen, allein weil ich weiß, dass dort oben die einzige Weinstube der Schweiz ist, welche gute Naturweine verkauft. So weit ist es schon.

Sonntag wache ich auf und auf Augenhöhe mit mir eine Wolkendecke. Fühle mich wie im Flugzeug, bin es aber nicht, und wickel -allein um das zu feiern- das warme Plumeau fester um mich herum.

26sept2010
(Bettdeckenhöhe auf Wolkendeckenhöhe. Beeindrucktes Aufwachen inklusive.)

Frühstück, wieder knatternd im Bus den Berg runter und dann die Führung von gestern noch einmal, heute aber mit Sonne.
Hans-Peter Schmidt kann man auch mehrmals hintereinander super auf den Fersen bleiben und über Biodiversität und Rabenpaare zuhören, das wird nicht langwierig.

Dazu heute Berg-Raclette a la Claudio et Sarah mitten im Weinberg.

26sept2010
(Tafeln in freier Natur. Unbezahlbar.)

26sept2010
(Die Outdoorküche von Mythopia. Alles da, alles drin.)

26sept2010
(Biologe Claudio Niggli mit gewetztem Messer. Das Raclette wird heute von ihm persönlich geschabt, direkt vom Laib weg.)

Tolle Gespräche, gute Chemie, viele Pellkartoffeln und: Naturwein! Frage mich schon da, wie die nächste Zeit ohne wird, jetzt, wo man Neues lernen möchte. Prompt hängen wir noch eine Fassprobe dran, obwohl die Zeit schon knapp wird.

26sept2010
(Fassprobe der Naturweine im Keller. Erlebnisreise für den Gaumen.)

Den Weinwolf beim Zuhören entfilzen, lange Tschüß sagen, eigentlich viel zu wenig sagen, und dann sitzt man schon wieder im Zug gen Heimat.
Von sieben bis zum nächsten Morgen um sechs durchhalten und komatöses Liegen im Schlafabteil. Schlaf selbst ist ein schöner Gedanke, in echt liege ich Zeit tot und lasse die letzten drei Tage Revue passieren.
Als ich zu Hause die Fellchen hochpflücke und abküsse ist es halb sieben am Morgen und noch stockfinster.
Aber jetzt, final die tolle Info:
Das alles könnt ihr auch erleben, zwar nicht mehr in diesem Jahr, aber im nächsten! Und das solltet ihr auch, das lohnt, entschleunigt, macht die Welt besser und hey: Es gilt, die Sinne zu wecken.

Anbei ein paar Auszüge und Worte
Das Delinat-Institut forscht an den Grundlagen für eine klimapositive Landwirtschaft mit hoher Biodiversität. Das Labor der Forschungsstiftung liegt inmitten des Walliser Weinguts Mythopia. Praxisnah werden hier Methoden und Strategien für einen ökologisch und wirtschaftlich nachhaltigen Qualitätsweinbau entwickelt.

Netzwerk aus Querdenkern
Das Delinat-Institut beschäftigt knapp zehn Mitarbeiter. Unter ihnen sind ein Biologe, ein Winzer, ein Umweltingenieur, ein Gärtner, ein Ökologe, ein Agronom und ein Philosoph. Sie alle zeichnet aus, sich nicht lediglich auf ihr Fachgebiet spezialisiert zu haben, sondern wie jeder Teil eines Ökosystems mit den verschiedenen Gebieten der anderen vernetzt zu sein.
Der Sitz des Delinat-Instituts befindet sich im Zentralwallis inmitten der Domaine de Mythopia. Auf der Domaine von knapp fünf Hektar werden nicht nur die meisten Versuche durchgeführt, sondern auch Wein, Gemüse, Obst, Heilkräuter und Honig produziert. Das umfassende Gesamtkonzept reicht von Bodenaktivierung und Karbonsequestrierung über die Ökostabilisierung durch Biodiversität und Mischkulturen bis zur Erprobung intelligenter Stoffkreisläufe und alternativer Bio-Energieproduktion.

Adresse, Kontakt und Informationen

Fondation Delinat Institut für Ökologie und Klimafarming
Hans-Peter Schmidt
Ancienne Eglise 9

CH- 1974 Arbaz

http://www.delinat-institut.org
info@delinat-institut.org

http://www.mythopia.ch

Und wer sich regelmäßig über Klimafarming und Biodiversität informieren möchte, dem kann ich nur wärmstens das Ithaka-Journal ans Herz legen.

***
Final noch mein komplettes Erlebnisalbum, bitte HIER sanft drücken und die Augen im satten grün weiden lassen.

Danke fürs Mitreisen. Ich hoffe, es hat gemundet!


Donnerstag, 11. Dezember 2008

reisenotizen/ oberambach, oder 'im namen der traube'

Als ich sonntags in aller Frühe aus dem Düsseldorf fahre, winkt es mir grimmig mit Schneeregen hinterher. "Tschüß, dachte ich, und das Düsseldorf so "Hau nur ab, Lu. Woanders ist es auch nicht doller."
So passierte ich Köln, und das Bonn, und Frankfurt, Nürnberg und all diese Städte. Mit im ICE-Huckepack ein sehr großes Rudel vitaler Rentner, die sich morgens um acht den ersten Advent des Jahres mit Apfelschnaps und Teelichtern nett und hell machten.
Alle zehn Minuten hörte man ein Prost, und das ja keiner auf nur einem Bein stehen könnte, und nach einer guten Stunde nur noch leises Schnarchen und im Takt zuckende Teelichtflämmchen.

Bis nach München war das mit dem Zug fahren auch sehr einfach. Aber dann! Gleis 2 sagt meine Reiseverbindung, Gleis 2 Tiefebene, S-Bahn. Gut, dachte ich, und schleppe Sack, Pack und mich in die tiefsten Ebenen des Münchens, stand dann so rum, und was sagt die freundliche Stimme aus dem Lautsprecher?
Nichts, was ich gut verstanden hätte. Aber Flügelbahnhof und dreißig, das verstand ich gerade noch mit allen aufs Zerreißen gespannten Sinnen.
"Hilfe" sag ich zu dem Ehepaar neben mir, und dass ich nach Wolfratshausen müsse, und was hat die Lautsprecherstimme da gerade mit allem gemeint?
"Ihrer Zug doa fällt aus, und rennens ma eben noah hinterher.", sagt der Greis, und was soll ich sagen? Er rannte flink wie ein wild gewordener bavarischer Frischling durch diesen gefühlt riesigen Bahnhof Münchens, und ich immer hinterher, und die rotwangige Dame mit Dutt hinter mir, dicht an meinen Fersen, das war wohl auch eine Familienangehörige, wenn nicht sogar seine Frau oder Trainingspartnerin. Jedenfalls rannten wir in der Rotte, und als ich fit aber schnaufend auf Gleis 36, oberirdisch und irgendwie flügelig, in die S-Bahn einrannte, kamen hinter mir noch zwei ganze Paare grauhaariger, die das Spiel wohl schon kannten, mir eine gute Fahrt wünschten und sagten, das sei Montags bis Freitags normal, aber an einem Sonntag wie heute wohl eine Ausnahme.
Aha.
Im hellen sah ich von München also gerade noch die Ausfahrt Hauptbahnhof und ein Mercedes- wie ARD Gebäude (oder war es der BR?), und dann nur noch Dunkelheit und Haltestellen mit seltsamen Namen.
45 Minuten entlang.
Dann Wolfratshausen.
Und dann nichts mehr.

Ich brauchte ein Taxi, aber da war weder ein fest installierter Taxi-Stand, noch ein Notruf nach einem Mietwagen nebst Fahrer, noch eine helle Lampe für das weibliche Befinden in fremden Dörfern.
Ich sprach alle Seelen an, die mir näher als 15 Meter kamen. Eine davon, eine Frau mit mildem Blick, gab mir geduldig eine Telefonnummer, falls das nicht eintreffe, von dem alle anderen locker meinten, dass das der Normalfall wäre.
Nämlich, dass dort in der dunklen Biege hinter dem Gleis Taxis stünden, die nur darauf warten würden, das Menschenkinder und Stadtfrauen wie ich auf ihre Dienste angewiesen wären. Nur heute für mich: Ausnahme.
Ich stand also dort in der Schwärze des Abends und dachte an warme Restaurants und mein gebuchtes Zimmer ein paar Meilen weiter, und wollte gerade diese frisch geschenkte Nummer wählen, als ein Großraumtaxi langsam in meine Richtung fuhr.
Kein Licht an, Taxischild in totale Dunkelheit gehüllt, und ich dachte "Wurscht, Bayrische!" und warf mich mit allem Gepäck in die Biegung der Kurve und gab mich sehr großstädtisch, schrie also aus Leibeskräften TAAAXIII! Und der Fahrer so, jaja, wäre ja gut, er wär ja da.

Der Fahrer großer Tierfreund, überfuhr keine der gefühlt 100 Katzen, die in dunklen, bayrischen Waldwegen unsere Route zu Fuß durchkreuzten. Überfährt auch keine Kröten, und ich sag, das wär ja klasse, ich nämlich auch nicht, und ab da waren wir Freunde, da passte kein Blatt Papier mehr zwischen seine Weltanschauung und meine. Froschfreunde halten zusammen, weltweit.
Aber da passte auch kein Ton mehr zwischen seine Musik und meiner Auffassungsgabe.
Er: "Hören sie die Musik?"
Ich: "Klar, ist ja laut genug."
Er: "Das bin ich."
Ich: "Echt?"
Er: "Hm."
Ich: "Ich zwinge meinen M. irgendwann dazu, wieder Klavier zu spielen und Stunden zu nehmen. Ich möchte später einen Mann, der mir abends gut zuspielt, während ich den Rotwein heimlich leer mache."
Er: "Oh, ich habe das nie gelernt."
Ich: "Hm."
Er: "Ich spiele in einer Art Trance."
Ich: "Wie bitte?"
Er: "Und, und das macht sonst so auch keiner, und ich spiele NUR die weißen Tasten."
Ich: "Und was haben sie gegen die schwarzen?"
Er: "Nichts, aber ich spiele sie nicht…"
Ich: "Da liegt doch was im Argen."
Er: "…und kein Lied ist wie das andere. Ich spiele jedes anders."

Nach ein paar Mal Einbiegen in sehr dunkle Waldwege waren wir da, und ich dachte super, hat mich doch kein irrer Esoteriker mitten in Bayern ums Leben gespielt, und dann sagt er hier, ich schenk ihnen meine CD, und dann schalt ich mich kurz aber heftig für meine Großstadtparanoia und sagte artig Danke, und er wünschte mir viel Glück und dann war ich im Hotel, und dann im Restaurant, Zeitung, Essen, all das und dann war Ruhe im Karton.

2dezember2008

Ich ging mit dem Satz "Wir spülen nur mit Regenwasser" schlafen und fiel in einen biologisch wertvollen, aber unruhigen Schlaf.

Ich: "Gott?"
Gott: "Ja?"
Ich: "Welcher ist eigentlich Dein liebster Wein?"
Gott: "Lu, Das müsstest Du mir doch sagen können. Durchgefallen. Ab in die Hölle."

3Uhr45. Einmal Regenwasser benötigt und dann zurück in die zu weiche Matratze gesunken. Übermorgen Prüfung und das Gefühl, nicht nur zu wenig, sondern quasi richtig viel zu wenig gelernt zu haben lag auf meiner freien Seite und schlief den tiefen Schlaf der Unschuldigen. Ich drehte mich auf links, dann auf rechts, dann wieder links, dann

Ich: "Gott?"
Gott: "Lu?"
Ich: "Und was, wenn ich vielleicht wüsste, was Du magst?"
Gott: "Lass hören."

Ich halte plötzlich eine Flasche in der Hand, entkorke schwungvoll, gieße in die aus dem Nichts auftauchenden Gläser je eine gute Pfütze ein und höre mich "Prösterchen" rufen. Gott nimmt einen kräftigen Schluck, ich auch, und dann schaut er mich an.
Lang.
Stumm.
Abwartend.

"Okay", sage ich, "okay."
Okay, denke ich, okay, jetzt muss aber ein Showelement her, das ist schließlich Gott. Verdrehe also gekonnt die Augen, spüle kräftig den Wein nach links, dann nach rechts, mache einen spitzen Mund, zische mit Luft und sage:
"Hmmm!"
Gott leert sein Glas in einem Zug, zieht Luft, bleibt aber stumm und sieht mich an.
Ich, schlürfend und vor Vergnügen brummend: "Was für ein ROT! Wie frisches Ochsenblut. Wie zertretene Blaubeeren."

Gott schaut mich neugierig an. Ich laufe zur Hochform auf.

Ich: "Kirschig, Zwetschig, Himbeerig, und irgendwo dahinter kalter Stall. Suppe, Nebel und eine Note von Dung und Rohöl."
Gott: "Och."
Ich: "Ja. Phantastisch! Schmeckt?"
Gott: "Naja."
Ich: "Okay, hier ein anderer, direkt aus dem Tal daneben, aber Hallo? Alles andere als ein Nachbar."

Ich gieße ein, und -

5Uhr12. Zeit für Regenwasser. Was ist das nur für ein stetes Brummen in meinem Zimmer, das macht mich schier wahnsinnig. Ich stehe mit Ohr und Schulter an der Wand, woher der Lärm entfleucht.
Der Nachbar scheint durchgehend auf dem Topf zu sitzen, und ab 60 Sekunden dröhnt da die hoteleigene Lüftung los.
Ich, um meinen Schlaf und um Gottes Gunst kämpfend, trete also beherzt in meinen IKEA-Schlafanzug gehüllt auf den Hotelflur um meinen Zimmernachbarn vom Lokus zu klopfen, und: stehe vor dem Fahrstuhl.
Mein direkter Nachbar ist der Fahrstuhl, und das Brummen kein Lokuslüfter, sondern das Herz seiner Mechanik.
Seufzend zurück in die biologisch warmen Federn, und das im stockdunkeln, weil der Elektrosmog-AUS-Schalter direkt neben dem Bett ist, und dieses in der hintersten Ecke des Zimmers, aber wofür hat man Hände und Füße, die man sich stoßen kann.

Zzzz...

Ich gieße ein, und Gott trinkt, ich trinke, und weil Gott wieder abwartend schweigt, rufe ich "Hier, ein Franzose!" und Gott: "Cheerio", und dann eine lange Stille.
Wir spülen und belüften, wir drehen Augen und gurgeln.

Dann Gott, ganz hingerissen: "Pralle Textur. Wild, gleichzeitig dieses Sanfte, wie ein kastrierter Panther. Ich schmecke Stein und Winzerschweiß, das sterbende Holz eines Mischwaldes und die kräftige Note eines einsam streunenden Wildschweins. Im Hintergrund, mitten im Abgang: Nashornkäfer. Da schmecke ich so um die fünf."

Eingeschüchtert schenke ich nach, kippe mein Glas auf Ex, belüfte und spüle und kneife ein Auge zusammen.
"Hmmm", sage ich, "nicht schlecht lieber Gott, aber ich habe da noch mehr auf der Zunge. Was sagst Du zu den feinstaubigen Tanninen, die ledrig am Gaumen pulsieren? Irgendwie pompös, aber unbestritten sexy.
Ein Geschmack wie eine räudige –"

6Uhr37. Fahrstuhl, Regenwasser, das ganze Programm.
Ich beschließe trotzig, wach zu bleiben, hole aus der Dusche noch mehr Wasser raus und gehe mit gezückter Gabel eine Stunde später durch das komplette Frühstücksbuffet. Nachtarbeit macht hungrig. Morgenspaziermärsche auch.

1dezember2008
(Montagsaussicht die Erste, der Starnberger See.)

1dezember2008
(Montagsaussicht die Zweite.)

Montag durchgehend: Fragen stellen und ein kurzer Abriss der letzten Monate Seminar. Man ist ja nicht zum Spaß da.
Haben wir trotzdem, wenn auch teilweise jeder für sich.
Spontane Blitzeingebung eines Buches, gefüllt mit Sprüchen eines Trinkers, eine Art hübsch gedrucktes Tagebuch mit Illustrationen.

„Das Geräusch aneinanderklirrender Weinflaschen lockte mich gestern Abend in den Nachbargarten.
Zunächst geduldet, trank ich allen süßen Wein. Sowie ich aber anfing, den Nachbarn von Schrödingers Katze und den Wundern der Quantenwelt zu berichten (wobei ich bedauerlicherweise bis zum Ellenbogen im Dekolleté der Tochter des Hauses stecken blieb), warfen sie mich über die Hecke.
Mildtätige Zwerge fanden mich und pflegten mich in ihrer Höhle gesund.“


Ich habe keinen Schimmer, mildtätige Leser, aber ich bin mir sicher, Gott steckte hinter dieser prompten Eingebung.

Abends Essen, nachts Fahrstuhl, dazwischen eine zu früh ausgeknipste WLAN-Verbindung (Danke liebes Hotel, meine Soap zur Entspannung war grad fünf Minuten alt, als mein Laptop sah, das es abgeschnitten war und somit als Fernseher undenkbar.).
Viel gewälzt und an dieses Buch gedacht.

„Stimme aus der Steckdose gehört.
Werde ich wahnsinnig? Wein, Wein.“


Am nächsten Morgen und nach Wellen von verzweifelt gespültem Regenwasser war er da, der Prüfungstag. Alle blindlings übermüdet, auch ohne Fahrstuhlschacht. Meine Lieblingsönologin hat sich die Nacht mit der Energiespartaste und dem stur schweigendem Fernseher um die Ohren geschlagen, die andere hatte es zu warm,
die nächste zu wach, und ich – aber das wissen wir ja schon. Nur Gott zechte diese Nacht wohl mit wem anders.

2dezember2008

Prüfung viel gekreuzt, zwei Blockaden in der Größe eines Tankschiffs, der praktische Teil wuppte nur so, und dann war auch schon alles rum.

2dezember2008

Köstliches Highlight 2008, das war’s dann schon mit dir?
Wir schlugen uns gemeinsam durch Länder und Neigen, durch die Nahe und durch Zeulenroda. Wir saßen Schulter an Schulter über gefühlte Jahre in ICEs und wer war da, wenn es nach Bayern ging? Genau.
Du puscheliges Highlight.

Kurz gesagt: Bestanden. Mitten in Oberambach und einfach so. Mit Bravour, wie mir ein Vöglein zwitscherte.

Während kurz darauf ein Taxifahrer meinte, vier Menschen mit knappen 200 Sachen auf Münchens Hauptbahnhof zuschießen zu müssen, dachte ich so "Gott?"
Und er "Hicks", und ich "Jetzt pass aber mal kurz auf!" und er, lallend "Erst ein Gedicht!", und das einzige, was thematisch jetzt passte und mir unheimlich spontan einfiel war:

„Unbekannte Frau in der Fußgängerzone verbot mir, in ihren Armen zu sterben. Wenig schöne Szene.
Danach Glühwein und rücksichtslose Kirchenkritik auf dem Weihnachtsmarkt. Schürfwunden.“


Gott lachte donnernd los, dann schon der Bahnhof in Sicht, ich noch ein paar Stündchen durch München getingelt, ein kurzes Selbstportrait in einem Klospiegel bei Starbucks, und dann tief zufrieden sechs Stunden im ICE Zeit totgeschlagen.
Ich bin jetzt diplomierte Sommelière.
Und die anderen hoffentlich auch.

Machs gut, Gott.
Und macht’s gut, ihr wackeren Mitspucker/Innen, ihr Dozenten, Organisatoren, Weinbeschaffer, Hotelinhaber, Bio-Köche, Serviceleute, Wettermacher und Lieblingsönologinnen.

2dezember2008

(Sämtliche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tollen Orten sind natürlich völlig gelogen und aus Versehen, und auch dieses Bayern scheint es so nicht wirklich zu geben, ich meine, schauen sie sich doch nur einmal diese Sache mit dem Wolpertinger an.
Mit sehr heiteren Grüßen: die Autorin.)


Dienstag, 28. Oktober 2008

winzerpost #1

Das ich zu früh weg musste, das war mir klar. Das Beste, das kütt immer zum Schluss, das hat mir mein Ur-Opa Malte schon beim Krabben puhlen beigebracht. Aber bei dem Wetter hier eine elektrische Postkarte mit Bildern vom Winzer zu bekommen, dem ich neulich noch durch die Weinberge rutschte, ... Sonne, pralle Trauben und die Erinnerung an die gute Luft, die guten Bio-Weine. Wäre ich noch eine Woche länger geblieben, dann hätte ich vielleicht die aller-allerletzte Traube vom Stock gepflückt und FERTIG! gerufen.

Aber so -


(Trauben und Seelchen sollten gut gelüftet werden.)


(Wenn die Gondeln volle Bütten tragen)


( Randvolle Bütte, gefüllt mit besten, biologischen Trauben.)

In ein paar Monaten kann ich abends die Gläser füllen, mich theatralisch in die Hüfte stemmen und sagen "Da hab ich dran mitgepflückt. Da steckt Liebe mit drin!"

Wenn ihr auch Mosel-Wein mit Liebe drin möchtet, dann schaut euch hier um, auf dem Weingut zur Römerkelter.

Ich schalte um zum Stadtleben. Muss ja.


Mittwoch, 22. Oktober 2008

reisenotizen./das Weintagebuch. Römerkelter / Mosel

11.10.2008

11oktober2008

Im Zug.

Ich sitze in einem Zug, den es so –wie ich glaubte- nicht mehr gibt. Nostalgie macht sich großflächig breit, während ein scharfer Wind durch das falsch ausgezeichnete und damit
doppelt belegte Abteil 7 rauscht.

Ja, lieber ICE-genormter Leser, richtig gelesen. Wir schreiben das Jahr 2008 und ich fahre in einem Zug, in dem es Fenster gibt. Und wenn Mensch in einem Zug Fenster zur Hand hat, dann öffnet er sie und hält während der Fahrt gerne einmal den ganzen Kopf hinaus. Sämtliche laut maulende Omas werden im Rudel ignoriert, ihr „ES ZIEHT!“ hört bei dem selbst hergestellten Sturm keiner mehr.
Ebenso wenig wie Durchzugtoleranz gibt es in diesem Zug Steckdosen, Müllschlucker, Durchsagen, Kaffeewagenschieber mit frischen Brezeln und Toilettenpapier. Aber auch auf dem WC lässt sich das Fenster weit nach unten hin öffnen, was ja auch was ist.

Eigentlich wollte ich arbeiten, weil ich das in Zügen sehr gerne und effizient tue. Als Belohnung für ‚danach’ habe ich mir sogar einen frischen Bukowski eingepackt, lesen geht im Zug unabgelenkt ja genau so toll wie arbeiten, aber diese Kiste rast so hyperaktiv durch Nordrhein-Westfalen (es gilt 15 Minuten Verspätung aufzuholen, die irgendwie seit Beginn mitfuhren, Herkunft unbekannt, aber sänk ju for trävveling wis Deutsche Bahn.) das es sich anfühlt wie Achterbahn durchs Rheinland mit stark vibrierendem Teppichboden, bis die Fußsohlen jucken.

Ich dann so Füße hoch, weg vom Tremor des Bodens und Buch zwischen den kalten Händen, mache mir Gedanken über die Durchsagen, die mehr eine phonetische Abfolge von Tönen ist als eine verständliche Ansage. Bei dem Sturm im Wagen 7 kein Wunder, aber wenn man Fenster hat, dann lässt man sie natürlich auch auf. Die Omas mittlerweile alle kollektiv mies gelaunt und mit ganz sicher eingeholter Lungenentzündung Bananen am schälen.
Ich, tief eingesunken zwischen Ledertasche und Umhängeschal, werde beim Lesen von einem fremden Mann angeschrien. Fremder Mann hat Uniform an, was mich aufmerksam werden lässt. Verstehe kein Wort, brülle aber zurück, jaja, die Burg hätte ich gesehen, da wäre ich als Kind schon mit Vater und einem Esel hoch oben gewesen, und doch, Wetter ist ja besser als die letzten Tage. Mann guckt resigniert und vorwurfsvoll, geht dann aber weiter, um die nächste Frau anzusprechen. Eine Oma. Sie brüllt zurück, sie verstehe nix, aber ES WÜRDE DOCH SEHR ZIEHEN!

Den Höhepunkt meines toten Punktes erreiche in in einer Stadt namens Bullay, und eine gute halbe Stunde später bin ich dann auch schon da.

Das erste Mal.

Noch eine halbe Stunde später wird ein Mädchentraum wahr. Ich sitze seitlich aufgebockt auf einem Trecker und ein netter Mann fährt mich in einen Weinberg. In seinen Weinberg. Der nette Mann ist der Senior-Winzer (sagt man das so?) und auch hier ist es wie im Zug so laut, dass wir uns alles zuschreien müssen.

11oktober2008

Egal, ich hab mich amüsiert wie Bolle.
Dann meine erstes Mal Weinbergarbeit.
Schmuck aus, empfindliche Klamotten aus, und Schere zur Hand. Auf die soll ich die ganze nächste Zeit meines Aufenthaltes aufpassen wie auf meine Augäpfel. Trichtere mir das ein, während:
Eine sensible Handlese Marke Spätburgunder‚ die Guten hängen lassen und die Anderen in den Eimer.
Ich lerne verschiedene Pilzsorten zu unterscheiden, gute und von Grund auf böse, und Essigbeeren und wie Hunde furzen können, wenn sie zu viele Trauben hatten.
Abends dann die guten Tröpfchen ins eigene Kröpfchen, und jetzt mache ich das letzte Licht aus und schlafe ganz sicher wie ein Stein in den nächsten Tag hinein.
Diese seltsamen Reime sind übrigens eine freundliche Nebenwirkung der Weinverkostung, das ist dann morgen wieder weg. Morgen? Ist Sonntag, und da geht es früh los in den Weinberg.
„Der Steile“, wie mir eben prophezeit wurde.
Nehme mir alles vor, vor allem nicht abzustürzen.


12.10.2008

Im Weinberg.

„Im Frühtau zu Berge“ fiel mir als erstes ein, als ich früh morgens im Weinberg nur eines versuchte: Im Frühtau nicht auszurutschen und vor allen den Sittich zu machen. Nebel macht nass, und das gilt nicht nur für die Trauben, sondern auch für den kompletten Menschen, der an genau diese ran will.

12oktober2008

Spätburgunderlese und Vorlese. Bedeutet bei einem nicht so dollen Winzer: alles runter und gut ist. Bei einem guten Winzer allerdings ist das Hand-, Augen- und Nasenarbeit. Und Liebe! Die nicht mehr so guten kommen in den einen Bottich, wo auch da zwischen nicht mehr so gut und nicht mehr so gut unterschieden wird. Der eine Pilz ist okay, der nächste voll schlimm und die Geiztrauben sauer und die Essigtrauben dürfen in gar keinen Bottich, die kommen direkt als Kompost zwischen die Füsse und werden mit einem spitzen Fluch zertreten. Die Guten, die natürlich in den anderen Bottich.
Zu dem ganzen Nebel der einen durchtränkt kommen pfundweise Insekten, die diese Störung ihres Traubenschmauses überhaupt nicht schätzen und so hat man andauernd empörte Ohrenkneifer, rennende Spinnen und deren Netze zwischen den Augen, wo man wegen vom Traubensaft dunkelrot triefender Hände nicht drüber wischen kann, will man am Ende nicht aussehen wie auf dem Kriegspfad.
Zwischendurch hockte ich gerne einmal eine halbe Minute im Leerlauf und starrte meine Hände an. Meine Hände und ich, wir kennen und jetzt seit sehr langer Zeit, und noch nie habe ich sie in einem dermaßen erbärmlichen und unbekannten Zustand gesehen. Noch nicht mal nach Gartenarbeit sahen mich meine Hände so verfärbt an wie jetzt. Haben die kleinen Pelzmatrosen Hugo und Irma die letzten zwei Wochen mit Krallen und Zähnen einen guten Grundstock für sämtliche Traubensäfte Marke Regent und Spätburgunder gelegt, die sich jetzt in jeden Ritz und in jede Falte, Wunde und Nagel festsetzen. Klebt wie Hölle, geht nicht weg und auch jetzt schaue ich immer wieder hin und denke, wow, dass meine Hände so aussehen können.
Werde nach Heimkehr sicher um die zwei Tage in der Badewanne sitzen müssen, mit Bimsstein, Geduld und Spüli. Durchgehend.

Geschichten aus dem Weinberg.
Der Berufsabgang für Winzer: CO2-Tod! Frisch passiert: Winzer und Lehrling. Nach einer Feier fand der Winzer (noch im schicken Anzug) seinen Lehrling, wollte ihm helfen und lag kurz darauf daneben im Tank. Geht schnell, soll –laut anwesender Fachleute- ganz angenehm sein. Ähnlich wie der Kältetod. Merke mir das.
Auch gelernt: Den Berg runter geht’s flott. Nämlich rutschend auf den sieben Buchstaben. Mit Glück bleibt der volle Eimer oben stehen.

Feierabende sehen Sonntags so aus.

12oktober2008


13.10.2008

Erste Auswirkungen und die Sache mit dem ZEN.

Letzte Nacht geträumt, ich wäre Weinkönigin vom Rieslingsland geworden. Klitschnass in Jogginghose, übersät mit Spinnen und Ohrkneifern, tanzte ich durch Spätburgundermost und rief immer "Eimer bitte, einen neuen Eimer bitte".

Das Wetter.

Den ganzen Tag erst Nebel, dann ein Hauch von Regen, auf dem Fuße folgend Sonnenschein für den Rest des Nachmittags.

13oktober2008

Riesling- Vorlese.
An Edelpilzen riechen um Essig auszubooten. So zweimal an einen auf der Nase hüpfenden Ohrenkneifer gekommen. Einmal im steileren Weinberg auf dem Hintern nach unten, und das nicht freiwillig. Mal wieder. Rufe nur noch lakonisch „Achtung, Stadtfrau kommt.“ Dann weiß jeder Bescheid.
Von einem durchgehend furzenden Mithelfer den Spruch “Wenn ich so red’, dann leb ich noch.“ gelernt. Direkt beschlossen, diesen niemals anzuwenden, vor allem nicht in der Thematik der Winde.
Oft einmal inne gehalten und über die Hügel geschaut. ZEN-Momente.
Die Rückenschmerzen sind unerträglich. Am Abend festgestellt, dass sich da nach Jahren nicht die gute, alte und vor allem topfit trainierte LWS zurückmeldet, sondern dass meine Filetstücke entlang der Wirbelsäule komplett verspannt sind.
Trauben hängen tief.

14.10.2008

Evolution und die Sache mit meiner Jeans.

Morgens mit dem Gedanken aufgewacht, dass ich gestern nicht auf dem Trecker sass, sondern ganzkörper drunter lag. Rücken aua, Füße weh, und meine Hände nicht von dieser Welt. Linker Zeigefinger steif vor Schmerz, dessen Ursprung ich mir nicht mehr erklären kann, aber jetzt will meine Hose auch einmal zu Wort kommen. Die kann nämlich mittlerweile von allein in der Ecke stehen und mir morgens ins Bad hinterher laufen, damit ich direkt mit Schmackes in sie hineinspringen kann. Die Schuhe –hingegen- sind beleidigt, weil sie morgens noch genau so nass sind wie abends, und meine Socken (steif wie die Jeans) habe ich eben einfach mit unter die Dusche genommen, schön mit Shampoo geschrubbt und nun baumeln sie über der Heizung ihrem nächsten Einsatz entgegen.
So wie ich. Ich baumele erst unter der heißen Brause, der ich nur noch meine Aua-Stellen entgegen halte, um dann die Beine doch nicht zu rasieren, wozu auch, den Wingert interessiert das einen feuchten Misthaufen, ob wer einen Chinchilla unter dem Arm trägt, oder eben nicht.
Heute gelernt: Trompetenkäfer und die Wünsche von 15jährigen, die immer 6 sein wollen.
Heute Riesling komplett, morgen angedrohter Regen.

15.10.2008

Schlaflos in Maring – Noviand.

War letzte Nacht Vollmond? Kein Auge schlafend zu, aber jede Wunde und Gebrechen sehr anwesend. Ganzen Tag gearbeitet, abends Stromberg auf Laptop. Vom Lüfter wieder wach geworden.
„Man muss die Weintraube vernaschen bevor sie zur Rosine wird.“ (Zitat Stromberg)
Fühle mich thematisch verfolgt und schlafe dann mit der zur Wurst gedrehten Decke im Arm ein. Draußen Regen, innen Zufriedenheit und der Gedanke, dass der eigene Körper morgen Regenpause hat.

16.10.2008

Regenpause ist Luxemburgausflug.

Regen. Im ganzen Haus herrscht gelassene Stimmung. Ruhige Arbeit, ich schäle einen ganzen Garten Äpfel zu Kompotthäppchen, und gegen Mittag sage ich zu wem, dass ich mich wie Schneewittchen fühle, die für die sieben Zwerge deckt. Überall Teller, Gabeln, Gläser, während der Hund vor dem glimmenden Kamin schläft.
Nach dem Nudelgau schleichen alle im Kohlehydratrausch in ihre Zimmer und schlafen. Ich liege auch und gucke weiter Stromberg. Jetzt habe ich ja endlich mal Zeit, diese DVDs in meiner Laptop-Tasche gebührend Zeit zu schenken.
Knick-Knack. Niveau rutscht.

16oktober2008

Nachmittags Ausflug zur Luxemburgbegehung. War schön. Auch, weil dort die Sonne aus blauem Himmel schien und die Auslagen der Geschäfte ebenso appetitlich lachten (Krabben und Kleider).
Erzähle auf der Rückfahrt im Stau, dass ich vorab versucht habe, meine Hände mit der Zahnbürste zu schrubben. Ernte 3-faches Gelächter, alle lustig heute.

17.10.2008

Letzter Tag.

17oktober2008

Morgens ein letztes Mal mit im Weinberg. Henkersmahlzeit und warme Händedrücker. Kloß im Hals gehabt. Alles liebe Menschen. Alles eine Zeit, die man so nie ein zweites Mal hat.
Mittags Geschichten eines alten Haudegens mit Federweißen probieren, Schläuche anschließen und Stoßgebete ausdenken. Alles ging gut.

17oktober2008
(links der Geschichtenerzähler Martin, rechts Winzer Timo Dienhart)

Bahnhof und die Götter hatten grad Zeit: eine Steckdose am Platz. Die zweite Staffel Stromberg zu Ende geguckt und kaum war es dunkel, stand ich im Düsseldorf.

Schön wars.
Und: to be continued!

Alle Photos zum Text: Bitte HIER sachte pressen.

Das alles wurde übrigens erlebt auf dem Bio-Weingut zur Römerkelter der Familie Dienhart.


Donnerstag, 21. August 2008

reisenotizen/ münchen, oder 'im namen der traube'

Plötzlich ist man mitten im Hochsommer, und ich habe alle richtigen Schuhe dabei. Die Götter halten doch eine schützende Hand über Frauen, zumindest wenn sie in München sind.

Sitze also am Morgen hinter meiner Sonnenbrille verstaut in einer TRAM (25), nachdem ich vorab mit einer italienischen Großfamilie im Nacken ein Ticket erstand, und dann auf englisch der Familie die richtige Fahrkarte von der Tafel suchte, erklärte und zog. Alle zufrieden, nur wo ist jetzt die Bahnhaltestelle?
"Wo komme ich denn bitte zur Bahnhaltestelle?" fragte ich also die erste junge Frau, welche ich aus dem morgendlichen Menschenstrom der U-Bahn-Schluchten greifen konnte.
Sie "Hä?"
Ich "TRAM! Wo?"
So gings dann. Als Ausländerin in Bayern muss man schon die gängigen Vokabeln und Buzzwords drauf haben. Ein Brötchen ist hier schließlich auch kein Brötchen, da könnte ja jeder kommen.

Grünwald. War ich auch noch nie, genau wie im Rest von Bayern (außer Hopfen, das kenne ich jetzt). Das Hotel war schnell gefunden, Schlüssel, Dusche, 10 Minuten kalt gegen die Hitze und die Müdigkeit geduscht. Danach –Dusche ebenerdig mit abfallender Seitenkante- war fast das gesamte Bad Duschtasse und ich wieder fit.

18august08

Mittagessen, Gruppenkuscheln, Seminarbeginn.
Thema: Weinfehler schmecken. Da gab es aber lange und verzogene Gesichter.
Schwor ich noch einen mittäglichen wie überschwänglichen Eid, dass ich heute jedes Glas bis auf den letzten Tropfen leeren würde, gegen das aktuell eher böse Leben und überhaupt, im Wein liegt schließlich Wahrheit UND Frieden, Spucken sei was für Lebensfrohe, da schob ich zwei Stunden später leise aber überzeugt Weingläser –nur angenippt- zur Tischkante und guckte böckselig.

18august08

Muss man auch kennen, was ein Brettanomyces ist, oder ein waschechter Lichtgeschmack. Wenn ihr mal richtig Aufmerksamkeit möchtet, sagt doch just bei Tisch, der Wein würde ganz hinten dezent mäuseln. Wenn dann keiner mehr was sagt, dann ist der Moment, wo man was von zu geringer Schwefelung in den Bart nuscheln kann, und die hohe Population von Bakterien und Hefen mit tragischem Timbre in der Stimme bedauert, um dann mit einer guten, gezielten Rückhand den Wein ins Gebüsch zu befördern. Prost.

Apropos Hefe und schlechte Laune!
Lieblingsnotiz in Kurzform auf einem losen Blatt:

"Hefe begeht im Wein Selbstmord (toll!).
Sie verstoffwechselt so lange Zucker, bis sie im Alkohol stirbt."


Abends zum Essen dann den guten Wein, aber da war ich leider schon in einem Stadium, wo die Hefe denken würde: 'Na gut, das Gramm Zucker mache ich noch fertig, und dann ab vor die Hunde.'
Das hat auch ein gefühlter Komplettmarsch um ganz München (in echt um ganz Grünwald) im Rudel nicht retten können, und so ging ich eine Stunde vor Mitternacht im Stechschritt ins Bio-Bettchen, lief nicht über START, zog kein Kilo Zucker ein, sondern sank wie Adam mich einst aus der Rippe schnibbelte in einen unruhigen aber nicht ganz unfrohen Schlaf.

Am nächsten Morgen machte ich Bekanntschaft mit einer mir unbekannten Art. Ich dachte ja immer, die Köche des Hotels seien besonders frohe Menschen, die auch alle anderen froh machen möchten, weshalb sie zum Beispiel mit leckerster Schokolade nette Botschaften auf Teller, Spiegel und Essen schreiben.

18august08

(pures Beispiel)

Und ich ahnte nichts Böses, als ich mir noch sehr verschlafen und in einem Zustand rein körperlicher Anwesenheit aber geistiger Nacht ein Ei mit einem netten Gesicht neben meine Melone, Quark und Semmel packte. Das Ei als letztes, dachte ich, und dann der Moment, der zeitlich direkt nach diesem Foto angesiedelt war.

19august08

WIESO IST DIESES EI ROH? Lauter war ich an diesem Morgen noch nicht, wacher auch nicht. Auf meinem Teller rohes Desaster, um mich herum lachende Gesichter. Fast wie die vom Ei, vom einstigen.
'Na, weil Du das erst hättest kochen müssen.' , kam die prompte Antwort.
Kochen? Mein Ei? In einem Hotel?

Ich machs kurz: der Sinn des netten Gesichtes auf dem Ei ist nur ein Einziger, und der hat nichts mit guter Laune zu tun, sondern ist nur dafür, das der Frühstückende Mensch und eierkochende Gast sein persönlcihes Ei aus den anderen im Wasser kochenden wiederfindet. Jedem Gast sein auf den Punkt gekochtes Ei.
Ich stelle verstohlen meinen Teller Eiglibber auf einen Bistrotisch nahe des Servicepersonals und nehme von der Melone nach.
Der Mensch, und das unterscheidet ihn eventuell von der Hefe, der Mensch lernt nie aus.

Weiter geht es mit Weinverschlüssen, Kalkulationen, Lebenskurven und ein paar rauchenden Gemütern.
Sehr viel weiter ging es am Ende auch zum Bahnhof, der vom Weg her sehr unterkalkuliert und somit per Tram, per U-Bahn und sehr rennend geschafft werden musste.
Vom einsteigen in den ICE bis zu dessen Abfahrt zogen satte 30 Sekunden ins Land.
Ab Nürnberg Wolken und ab Frankfurt Regen, da stieg auch die nette Polizistin aus, die ein paar Geschichten aus dem Nähkasten zum Besten gab. Zwölf Stunden Bahnhofschicht mit Gleisleichen, die häufiger auftreten, als wir in den Nachrichten sehen. "Wenn eine kommt, ist die nächste nicht weit" sagt sie, und dass man teilweise lange die Strecke ablaufen müsse, um auch noch den letzten Teil zu finden. Bevor es ein anderer tut, der mit Waldi nur mal eben Gassi wollte, zum Beispiel.
Ich muss an die Hefe denken, und aus wie vielen Teile diese besteht, und schlafe hinter Frankfurt im Klangteppich vierer Laptops und deren darauf eintippende Benutzer in einen dünnen, verregneten Schlaf.

Das Hirn sortiert während der Schlafphasen das Erlebte, weiß die Wissenschaft, und so liegt, als ich in Düsseldorf aussteige, in meinem Hirnorder mit der Aufschrift "Sommelier-Kurs" ein ganzer Stapel neuer Blätter (to do!), ein kleiner Haufen Vorsätze in "allgemeines" und im Fach "neu kennen gelernte Berufzweige- persönlich" liegen ein Patentanwalt (Gattung: schlimm und laut) und eine Polizistin (nett und kompakt).
Im Restaurant bestelle ich sehr aufgeräumt eine Lasagne und ein Glas Rotwein und raune leise ein "Adieu" zu den Hefen, die einst ihr Leben für meine Gaumenfreude gaben, und deren Seelen jetzt direkt neben der Weisheit in meinem Glas Wein liegen.

* Bei Interesse an mehr:

Sämtliche Bilder zum Umfeld gibt es hier.

Die guten Bio- Weine gibt es genau hier.

Und residiert wurde dieses Mal im Hotel Alter Wirt.


Mittwoch, 9. Juli 2008

reisenotizen/ hopfen am see, oder 'im namen der traube'

Auftakt / 830 Meter über dem Meeresspiegel.

Hauptbahnhof am frühen Sonntagmorgen ist geprägt von Starbucksduft und den blutigen Pinkelpfützen am Ausgang Bertha-von-Suttnerplatz. Sieben Uhr in der Frühe, und die aktuelle Besetzung des Bahnhofs besteht aus Japanern mit komplizierten Gepäckpaketen, Gewerbliche mit Gucci-Imitaten und müden Augen und einer Taube ohne Flügel, tot auf den Gleisen vor dem Regionalexpress Dortmund.

Im Zug herrliche Ruhe und Leere. Ich belebe den Platz 91 und zwischen Köln bis Bonn gehe ich den Wagen Richtung Bord-WC ab und schlage alle Zeitungen 'mobil' Ausgabe Nr. 7 2008 auf, genau zwischen Seite 26 und 27, damit der Fahrgast gar nicht erst die ganze Zeitung durchblättern muss, um auf die -wie ich finde- relevante Information zu kommen.

Lieber Leser daheim, ich greife einmal kurz dem Textablauf vor und sage:
Solltest Du bis Ende des Monats eine Zeitung 'mobil' Nr. 7 2008 in die Hand bekommen, schlage die Zwischenseite mittig von Seite 26 und 27 auf, und Du hast ein hübsches Bild davon, mit wem ich die letzten Nächte in einem Doppelbett verbracht habe. Fängt auch mit M an, war aber nicht M.

Bis Augsburg lese ich ein Buch gefüllt mit Abschiedsbriefen von Männern ('Das war's dann wohl'- Abschiedsbriefe von Männern; Dva) und es rasen Kilometer von regenschiefen Feldern an mir vorbei.

An Bahnhöfen wird mir ein neuer Trend farbenprächtig und am lebenden Objekt vor Augen geführt.
Trugen noch vor einiger Zeit meist Frauen Shirts mit Aufdrucken wie ZICKE!, Flittchen, 'blond&will ich' etc, hat sich der Trend jetzt auf das unbescholtene Haustier verlagert. Hunde werden nichts ahnend in Halfter gesteckt auf denen 'Azubi' steht, Blondenhund und Egoist. Als ich aus dem Bahnhof Augsburg rolle, entfernt sich das Bild eines kleinen Terriers aus meinem Sichtfeld, auf dessen Geschirr 'Führer' steht. In braun.

Am Horizont plötzlich die Berge.
Ich meine- Berge!
Ich hätte nicht gedacht, dass diese mich so aufgeregt werden lassen, und ich klebe an der Bummelzugscheibe und fotografiere das, was sich auf den Bildern leider nicht widergeben lässt. Meine Aufregung und deren Präsenz.
Hey, ich bin Flachlandautorin, ich will mich nicht so einfach durch ein paar riesige Steine bezirzen lassen!

6juli08

Und: Die ganze Fahrt über freue mich auf den dritten Teil des Seminares. Man gewöhnt sich an die anderen Teilnehmer, die von mal zu Mal eine Schicht mehr bekommen, durch jede Anekdote und jedes Tun. Die Interessierte, die Ruhige, die eine in laut und fröhlich, und andere in ewig gelangweilt.

Aus Augsburg bringe ich ein kräftiges Gewitter mit. Die Taxifahrerin erklärt mir derweil das hohe Japaneraufkommen in Füssen mit den Schlößern um die Ecke am Hang. Natürlich, haue ich mir mit beiden Händen vor die Stirn. Franz, Sissy, Ludwig und die ganzen Berge und Seen drumherum. Nehme mir vor, gleich nach einem Kaffee alle Berge zu erklimmen und Geschichte nachzuholen.
Im Zimmer angekommen schlafe ich - Dank Bergluft- mit dem Gewitter ein. Letzer Gedanke wie meist, die Landesnotiz für das Hirn:
Bayern duftet also lecker nach Regen, Kuhmist und Bergen.

Später dann.
Mit dem Abendessen vor atemberaubender Kulisse bekam ich eine Zimmernachbarin, die wie ich erstaunt war.
Schullandheimerinnerungen kommen hoch, und ich bestelle mir darauf noch einen Viertel Rotwein für tiefen Schlaf.
Dem Mann zu Hause tippe ich 'Habe eine Vorbildfrau in meiner Gewalt, wir teilen Zimmer und Napf und ich kann alles fragen!'

Entwicklung / Die Kartoffel ist das Fleisch.

Dieses ewige Erschrecken vor den Bergen. Man denkt nichts großes, und plötzlich wendet man den Kopf und da sind sie wieder, diese riesigen Steine die einfach so vor einem stehen. Ich sass gestern noch eine Weile vor ihnen und mit dem ratlosen angucken kamen die Doors dazu und sangen in meinem Kopf ‚The End’ auf Repeat.
Alles wäre anders, gingen diese Bergketten einmal um mich herum. So sind sie einfach ein schönes Panorama, welches alle paar Minuten anders aussieht, je nach Licht und Wolke. Denke viel an Hobbits, weniger an Franz und Sissy.

7juli08

Tagsüber Seminar. Ich sauge auf was geht, und spucke aus wenn es muss. Theorie und Praxis in fröhlicher Umarmung, dazu gibt es am Ende viele rote Wangen, glasige Blicke und ich jubele über zwei Kopien von Aromarädern. Ich könnte noch Stunden über die Themen Weinbereitung und
alles über Spanien hören, mein Magen aber leider nicht, zum Abendessen eine halbe Flasche die noch übrig war, man opfert sich natürlich gern.

7juli08

Freizeit. Da kein Barfußweg in der Nähe war und auch sonst irgendwie alles zu oder weg war, ging eine kleine Gruppe von sieben Hobbits Geißlein Teilnehmern beherzt und per Pedes los, um die Dämmerung am Seerand zu erleben. Einmal rum um den Hopfensee heißt 6,8 Kilometer Fußmarsch, so bei 3,5 gibt’s den Wiesbauer, und da kann man sich aufhalten.
Als die kleine Gruppe dann um 22uhr15 eintraf hatte dieser grad die guten Stuben sauber und dunkel gelegt, und konnte nur mit einer Mischung aus Augenaufschlag (Angst im Dunkeln) und männlichem Druck (Nur n Bier!) zur Türöffnung bewegt werden.
Aber dann!
Ausgestopftes, Angezapftes und Geschichten (G’schichtn!) von ekligen Seegründen die keine messbare Tiefe besitzen, so tief sind die, Hitlers Schätzen und Ludwigs Todesgründe. Alles vom Chef persönlich erzählt.

7juli08

Mein Highlight, auch bebildert: der Wolpertinger!

7juli08

Ein bayrisches Fabelwesen, welches es natürlich genau in diesem Wald geben soll, durch den wir zurück müssen, in stockfinsterer Nacht. Ich gebe mich unbeeindruckt wenn auch ein wenig verliebt und erzähle ganz rheinländisch in Stimmung von unserem Kuno, den Dackel fressenden Wels aus 2001.
Keiner will mir glauben, und ich zische dem Wolpertinger zu, dass die alle schon sehen werden, Kuno hat bestimmt Verwandschaft im See zu Hopfen.

Für unser Überleben auf dem Rückweg (und das von ungezählten Kröten, die nachtaktiv eine rauhe Party feierten in einer kühlen Sommernacht) gab uns der nette Wirt noch drei Fackeln mit, und so sah der Wald kurz darauf das:
Sieben leicht hysterisch kichernde Menschen (erwachsen, 4 w. / 3 m.) mit drei Fackeln, die bei jeder Pfütze, vermeindlichen Schlange oder ‚irgendetwas im Walddunkel’ stoppten, kicherten oder die nächste Gänsehautgeschichte aus dem Pool der Gänsehautgeschichten erzählten.
Um Mitternacht waren alle dann sicher im Hotel und verstauten sich in die jeweiligen Doppelbetten, bevor sie sich in Wolpertinger verwandeln konnten.
Amen.

7juli08

Abgang / Wenn das Fackerl brodelt.

Morgens um sieben sehen meine müden Augen zwei erfreuliche Dinge:
Eine frische Oenologin (Doppelbetthälfte links) und ein Reh (Fensteraussicht, auf 11 Uhr).
Straffer Zeitplan = schnelles Frühstück. Ich schaffe Dank Nachtwanderung geschätzt ein Pfund Rührei, 1 Glas Buttermilch mit Fruchtmolke und eine große Schüssel Bircher Müsli.
Mit vollen Backen schwöre ich dem Löffel und dem Koch, der mich nicht hören kann, dass ich in dem Zeug begraben werden möchte, so lecker ist es.
Danach zum zweiten Tag des Seminares, heute ist Italien dran.
Wacker prosten wir uns noch vor zehn am Morgen zu, und Dank einiger Spuckschwächen bekommt das Bircher Müsli Gesellschaft von ein paar kleinen Schlückchen Venezien, Sizilien, Toskana und etc.

8juli08

Meine Lieblings-Oenologin (mobil, Ausgabe Nr. 7, 2008 zwischen den Seiten 26 und 27, der Leser erinnert sich) übersetzt Etiketten-Latein und behält auch die Fassung, als wir das dann tun. Dazu Lektionen in Maschinentrends (Weinernte) und am Objekt selbst (Rebe, lebendig).

8juli08

Gegen Mittag wird als letzte Tat etwas anderes probiert: Olivenöl.
Vier verschiedene Sorten, mit Luft und Speichel durch den Gaumen gezwirbelt, gesellen sich als Dritter Spieler im Bunde zu Bircher Müsli und Rotwein.

Taxi wartet, Tschö sagen bis August, dem Taxifahrer entschuldigend die Fahne erklären, die er nicht riechen kann, da er selber welchen zur Brotzeit hatte.
Bayern, stimmt ja.
Der Regionalexpress (wobei das Wort „Express“ für diese Bummelversion eine totale Fehlbenennung ist) soll um 13uhr06 fahren.
Um 13uhr06 sagt ein Lautsprecher in Füssen, dass dieser Zug ausfällt. Dafür würde ein Bus fahren. Ich fahre also nicht mit dem Zug nach Augsburg, sondern in einem Bus mit einem Grantler als Fahrer nach Marktoberdorf.

Notiz für mich selbst: Wenn das nächste Mal ein aufgeregter Teenager neben mir Platz nimmt und mich fragt, ob ich eigentlich auch den Zug hätte nehmen wollen und müssen, dann bin ich jetzt vorbereitet.Vorbereitet, das ich unter Umständen unter einem Redeschwall nicht unter zwei Stunden über das gesamte weibliche Teenagerdasein (Ausbildung zur kaufm. Angestellten, Freundeskreis der sich ausdünnt, AlkoPops und Schlösser von außen, und der Unterschied der Franken zu den Bayern) hinweg durch Bayern gekarrt werde. Ausgeliefert an eine gewisse Art hormoneller Aufruhr und den Regionalbahnen Bayerns.

Dort steht ein Zug auf den Schienen, der ab dort nach Buchloe fährt. Sagt die Frau am Kiosk, die wohl durch irgendwelche unsicheren Gründe auch zur DB gehört.
Der Zug selbst ist Ur-alt, dreckig und – er fährt nicht.
Nach 30 Minuten drin herumsitzen (was will man sonst in der Pampa auch tun?) und ohne einen Hauch von Bahnbediensteten fuhr dieser dann los. Einfach so.
Wildes Gefühl von Abenteuer mitten in Bayern. Selbst das Teenagermädchen holt kurz erstaunt Luft, und führt dann weiter aus.
In Buchloe dann kurzes herumsitzen und problemloses umsteigen, dann tatsächlich noch vor errechneter Zeit Augsburg erreicht, unschlüssig am Bahnhof herumgelaufen, einen Schauer angeguckt, und dann in den ICE gen Rheinland. Bei Stuttgart eingeschlafen. In den Sitzen des ICEs versunken träumte mir, ich ginge durch meinen tunnelartigen Keller, strich sanft über meine brandneuen Tonerde-Eier und erklärte der Presse den Leuten, dass ich tatsächlich den besten Bio-Weißwein des Sommers geschafft hätte, unwissend und mit meiner Balkontraube, die sich jetzt in freier Natur mal so richtig verausgabt hätte. Es gäbe aber leider nur eine Kiste davon, Tiffanys sei schon informiert.
Tja.

Man sieht sich immer zwei Mal im Leben, das werde ich Bayern in knapp sechs Wochen beweisen, wenn der letzte Teil des Sommelier-Kurses von Delinat ansteht.

8juli08

Pfüati.

* Bei Interesse an mehr:

Sämtliche Bilder zum Umfeld gibt es hier.

Alle auf dem Tisch stehende biolog. Weine gibt es genau hier.

Und residiert wurde dieses Mal im Eggensberger Bio-Hotel Hopfen am See.

Den Chef vom Wiesbauer und seinen Wolpertinger kann man hier besuchen.


Freitag, 13. Juni 2008

reisenotizen/ bad sobernheim, oder ‚im namen der traube’

Die Bahnstrecke kannte ich ja schon. Köln, Bonn, Loreley, Weinberge, und ein EC der an Lautstärke und Zug im Zug kaum zu Überbieten war. Als ich nach zwei Stunden Fahrt dann doch einmal den Gedanken an die Toilette nicht mehr völlig abwehren konnte, stand ich entschlossenen Blickes eine Minute später in einem Großraumklo mit Behindertenaufkleber und starrte in das Loch den Abgrund der Toilette. Ich meine hey – in anderen Zugtoiletten wird wenigstens noch vorgetäuscht, es ginge irgendwo hin.
Hier aber stand ich erst einmal eine weitere volle Minute und guckte erstaunt auf die unter dem Klositz vorbeirasenden Gleise.
"Wat mutt dat mutt!" sagte mein Ur-Opa Malte in solchen Situationen immer geschwätzig, und so lebe ich nun in absoluter Gewissheit, dass ich kurz nach der Loreley grob über den Daumen gepeilt 300 Meter Bahnstrecke Richtung Zürich markiert habe. Einen Knopf zum Abziehen gab es dort übrigens auch nicht.
Sei’s drum.

Im Hotel angekommen Auf dem Anwesen von Menschels Vitalresort angekommen werde ich zu meinem Zimmer gebracht.
Das Zimmer läge ruhig und hübsch frohlockt die Angestellte auf dem langen Weg zum Sonnenhaus. Nur für Damen, zwinkert sie mir noch zu, ich schließe hinter ihr die Tür, reiße in alter Angewohnheit (in Hotels, bei Wohnungsbesichtigungen etc) erst einmal Vorhang und Balkontüre auf, trete hinaus, blicke beschwingt in ganz viel grün, auf fluffige Hügel, und: auf ein kleines Rudel nackiger Omas, welche wohlig wie Katzen in der Mittagssonne schlafen.
Vor lauter Schreck rufe ich M. an, und damit mich keiner hört, hocke ich mit dem Mobiltelefon in der Dusche.
'Ich weiß nicht, wo ich hier gelandet bin, aber hier liegen ein Bademantel und ein Apfel für mich parat' albere ich durch die Leitung.
Auf Gongschlag werden die Liegen plötzlich frei und ich kann ein moralisch einwandfreies Bild von meinem Zimmerausblick knipsen.

10juni08

( Links im Bild auf neun Uhr die Lehmbadkuhlen, rechts der Luftbadebereich. Zwei der vier Elemente der Medizin nach Pastor Emanuel Felke, der die 'Felkekur' mit den vier Elementen Erde, Wasser, Licht und Luft arbeitete.)

Ich passe mich ja flott an Umstände an, und so flogen dann auch meine Anziehdinge über den Stuhl, ich mit einem Satz in mein ökologisch einwandfreies Bett und schon war ich fest in Morpheus Armen für süße zwanzig Minuten.
Und trug einen frischen Virus in meiner Blutbahn, der Dank der Ruhe Zeit für seine Strategiebildung fand, mich, seit knapp zwei Jahren Virenfrei, in die Knie zu zwingen.

Eine Stunde später fand ich mich mit gefühlter Schieflage und einer glucksenden Körpermitte in einem Seminarraum wieder.
Der zweite Teil des Sommelier-Kurses begann mit einem wirklich spannenden Thema: Richtlinien im Bio-Wein-Anbau. Der Umweltbeauftragte der Delinat, Daniel Wyss, gab eine Einführung in Grundsätze, Anbaurichtlinien, Verarbeitungs- und Sozialrichtlinien, was in meinen Ohren wirkliche Musik ist. Was gibt es besseres, als sich für die Umwelt zu engagieren und als Belohnung ein wirklich gutes Glas Wein geschenkt zu bekommen?

9juni08


Ich, welche die kleinste Weinanbaufläche im Düsseldorf besitzt (Trullo, zwei Rebstöcke), konnte noch dazu herausfinden, welche Gäste meine Blätter bevölkern und das ich dringend umziehen muss, weil es hier zu feucht ist für eine gesunde Ernte.
Schönstes Wort des Mittags: Jahrgangsstress.

Beim Pausenkaffee Glutenfreie Cracker, Kaffee und Schweißausbrüche für mich. Ich denke ein erstauntes 'wtf?' und widme mich ergeben zwei sehr feinen Themen:
Wein und Gesundheit + Eigenheilung mit einem komplett ausgetrunkenen Glas Degustationswein.

Abends dann, nach einem Essen und einem weiteren Glas roter Medizin galt es dann "Zahn um Zahn und Fuß vor Fuß, alle Mann im Höschen durch den Fluss". Ein Barfußweg sollte der Gruppenstärkung halber beschritten werden. 3,5 Kilometer Selbsterfahrung auf blanken Sohlen und auf Teilstrecken mit gelüfteten Kleidungsstücken.
Im Hinterkopf hatte ich wie einen Ticker das anstehende Spiel Italien gegen die Niederlande und mein heißer Kopf wollte auch lieber in ein ökologisch einwandfreies Kissen, also setze ich sachte mit 'Och, schade, ich hab gar keinen Bikini eingesteckt.' an. Badehose war quasi Pflicht, wenn man
auf dem Weg durch die Nahe waten wollte, ein Highlight des Weges, so wurde gemunkelt.
'Ich hab zwei mit, ich geb Dir eine ab.' kam es als Antwort von meiner rechten Seite, und nein, die Götter ließen ihrem Humor wieder freien Lauf, es kam nicht von einer Geschlechtsgenossin gleicher Statur sondern von einem sportlichen Mann der –und da bin ich mir mittlerweile ganz sicher- schadenfroh grinste.

Ich mach’s kurz: Ich lief in einer Puma-Jungshose durch Lehm, ich lief durch Wasser, hoppelte über nach hinten schwingende Balken, stolperte über nach vorne ausschlagende Stöcke, raste wie ein Hamster auf einer Tonne (mit Festhalten) und wirklich krönend war tatsächlich der Marsch durch die wilde Nahe und
(und das war die einzige Stelle, wo ich wirklich einmal fotografiert werden wollte, von mir aus auch in Jungshose und mit Lehm beschmiert)
das Durchhangeln über eine sehr schmale Hängebrücke über die Nahe.
Da werden Menschen zu Äffchen in H&M-Klamotten.

9juni08

(Eins der komplett verwackelten Bilderserie mit dem Arbeitstitel "Schwankfotografie". Die Natur der Dinge auf einer Hängebrücke.)

Als wir alle auf der anderen Seite angekommen waren, lasen wir das Schild mit Ausrufezeichen und hatten tatsächlich alles bis auf einen Punkt falsch gemacht
(Nicht wackeln und ausschlagen / höchstens 25 Personen / nicht im Dunkeln etc.).
Wir waren nur 24.

Zurück im Zimmer. Ich, die Großstadtentnervte, freue mich die ganze Zeit auf diese unglaubliche Stille in der Nacht in dieser herrlichen Anlage. Weit weg von der Marder-Abwehr (gemeine Geräusche), und knietief in der Dunkelheit werde ich kurz vorher darauf aufmerksam gemacht, dass in meiner Gegend ein seltener Vogel Junge hätte, und die würden ab und an mal durch die Nacht rufen.
Nach einer halben Stunde ‚MAMA!’ Konzert bin ich kurz auf den Balkon und habe das Mobiltelefon Richtung Nest gehalten, um euch den Ruf der seltenen Waldohreule mitzubringen.



( Ja, der hat die ganze Nacht die Taktung gehalten. Ich schlief trotzdem tief und -)

Tag zwei fängt mit Hunsrücker Sommer in aller Frühe an. Ich träumte, die ganze Gruppe wäre über Stunden in einem riesigen Schwimmbad gewesen, und wir schwammen und schwammen und über allem lag der laute Schrei der jugendlichen Waldohreule. Das zur Gruppenstärkung mit Wassereinlage und ihre Wirkung auf die Freud’sche Traumregie.

Noch vor elf Uhr am Morgen tranken wir uns durch Trendgetränke mit Wein, und ich muss sagen: (…).
Nahtlos kamen dann PiWi-Weine ins Glas, was bedeutet, dass es ein Wein aus pilzwiderstandsfähigen Trauben ist.

10juni08


Nahtlos bekam ich wieder einen heißen Kopf und Magen, was aber egal war, weil ich beim Thema 'Ökologie' äußerlich still sitzend doch innerlich wieder feste feierte. Ich notiere –nur falls mich das Fieber vor Seminarende hinrafft-
auf meinen Block:

unbedingt Bio-Winzerin werden. Hühner und 8 Möpse als Wachhunde sind dann inklusive, Wein wird Mopsbrut genannt, und möpselt nicht nach.
(Körpertemperatur ca. 37,7°C)

Am Ende blieb die Freude auf den nächsten Monat, wo Teil drei auf dem Papier steht, und Italien / Spanien.
Ich beende fiebrig diesen Eintrag mit dem Ruf der Waldohreule, den ich jetzt perfekt beherrsche, und lege mich zurück.

* Bei Interesse an mehr:

PDF zu Richtlinien im Bio-Weinanbau hier

Sämtliche Bilder zum Umfeld gibt es hier.

Bio-Weine gibt es genau hier.

Und residiert wurde dieses Mal in Menschels Vitalresort.
(Link hakte bei Einstellung)

Die vier Elemente vereint zur Kur nach Emanuel Felke.

*fin.


Freitag, 9. Mai 2008

reisenotizen/ zeulenroda, oder ‚im namen der traube’

Tag vier / Dienstag

Schon wieder Felliniesk geträumt. Ich mit gesamtem Hausstand in einem Boot, immer die Ufer der Talsperre entlang, einen Anlegeplatz suchend. Einziger Proviant: Trauben.
Irgendwie gewusstes Ziel, bzw. die Lebenslösung schlechthin im Traum: Aus diesen Trauben Wein machen.
Guten Wein.
Auf einem kleinen Holzboot.
Leider vor Lösungsfindung aufgewacht, dafür immer noch in Zeulenroda, und wer hätte das gedacht: Mücken weg, dafür Nebelwand wieder da. Immerhin, man hat Abwechslung.

6mai08

(der Kein-Ausblick aus meinem Hotelfenster)

Tag zwei des Sommelierkurses, und um halb neun saßen wir alle frisch befrühstückt vor unseren drei Gläsern, die auf ihren Einsatz warteten.
Um zehn erzählte die ruhigste von allen einen Blondinenwitz auf dem Balkon.
So viel zum Thema "Weine aus Schweiz, Portugal, Griechenland und Ungarn" und ihre belebende Wirkung früh am Morgen.

Ich habe nach ein paar echten Patzern wie auch Erfolgserschmeckungen endlich die passende Erklärung. Wein richtig erschmecken ist, wie eine neue Sprache lernen.
Man sitzt dort, die Nase tief im Glas und weiß, dass man die Note kennt, die man riecht, aber es fällt einem dazu nicht der passende Begriff ein. Das ist wie in Frankreich (als Beispiel) auf dem Markt mit den Fingern auf das jeweilige Gemüse zeigen, aber ansonsten stammelnd Unsinn zum Besten zu geben.
Da erlangt übrigens der Satz „Mir liegt es auf der Zunge“ eine sehr stimmige 1:1 Bedeutung.

Zum Mittag probiere ich ebenfalls etwas zum ersten Mal, und das war Wildschwein.
Eine ganze fingerdicke Scheibe, da waren die Karmapunkte für die geretteten Käfer aus dem See (und KEINE erschlagene Mücke) gut angelegt.

Danach leise Adieu sagen, und bis zum nächsten Mal, und dass das alles toll war, und das man ja noch eine weite Reise vor sich hätte, so oder so.
Und weil die Sonne schien, und generell ein Gott Zeit für mich hatte, kamen alle Züge pünktlich und ich bekam jeden Anschluss.
Nächsten Monat geht es weiter, ohne Gala, dafür mit Spanien und Italien auf dem Plan. Also als Wein. In Bad Sobernheim. (der Reim musste sein!)

Heute gelernt: Ich erkenne Portugiesen nicht. Keinen.
(Und: Abendarbeit im ICE zwischen Frankfurt und Düsseldorf ist phantastisch. Alle ruhig, alle tippen auf ihre Klapprechner ein, es herrscht geselliges Unmiteinander, zwischendurch zischt eine Pellegrino-Flasche. )

6mai08

(was am Ende blieb-)


Donnerstag, 8. Mai 2008

reisenotizen/ zeulenroda, oder ‚im namen der traube’

Tag drei / Montag

Letzte Nacht geträumt, ich sei eine neue Oenologenzucht. Ich wurde durch die ganze Schweiz gereicht, knackig und grün, ein vollmundiges Versprechen, gut im Wachstum, genügsam und nicht nachmöpselnd. Beim Aufwachen vor lauter Schreck für fünf volle Minuten gegen die Zimmerdecke gestarrt und mir Gedanken über die Vielzahl der leckeren Weine gemacht, welche ich in den letzten drei Tagen probiert und nicht ausgespuckt hatte. Ist der Traum da Wunsch oder Nebenwirkung?

Überhaupt, spucken. Das sollte ich ja heute lernen, angedroht wurde es mir gestern generell in warmer Nachmittagssonne beim Kaffee.
So saß ich denn da, Auf in Aug mit Spuckbecher und randvollen Backen.

Tag drei heißt auf meinem Plan Teil 1 des delinat-Sommeliers, den ich hier in Zeulenroda beginne. Sommelier werden bedeutet gleichwohl, eine Vielzahl von Weinen degustieren. Bedeutet anriechen, anstarren, durchblicken, erkennen, gurgeln, durchziehen und: ausspucken!
Jetzt ist das ja so, dass ich diese leckeren Bio-Weine in der Regel mag und was ich mag, schluck ich runter. So.
Sehen andere aber professionell anders und das mit triftigem Grund.
"Lu, spucks aus, sonst können wir Dich am Ende raustragen!" teilt mir ein Blick von vorne gerade mit, als mir von hinten beim Einschenken "Der nächste wird Dich aus den Schuhen hauen!" zugeraunt wird.
Wir sind bei den Franzosen.
Heimlich schlucke ich die Schuhkanone runter. Köstlich!
Trotz allem wird der 0,5er Pappbecher vor mir voller, das Blatt unter den Gläsern schwimmt nach mittlerweile motorisch leicht aus dem Ruder laufenden Nachgießaktionen in Sachen Wasser, und nach dem zehnten probierten Wein vor vier am Nachmittag haben alle wieder Sauna-Teint. In den Pausen taxiere ich den Füllepegel der Pappbecher der anderen im Raum und der Sammelkübel. Man sollte sich nicht ausmalen, was in dem Raum los wäre, hätten alle alles getrunken. Polen offen, Holland in Not. Bitte filmen sie ab jetzt!

5mai08

(Das Gebiet um die Gironde in meinem Becher vereint.)

Der Rest im Kurs ist durch die Reihe weiblich und mit Herzblut Gastro. Alle Frauen - außer mir - arbeiten in Bio-Hotels, wir alle werden uns bis zum Herbst regelmäßig treffen, in ihren jeweiligen Arbeitsstätten. Heute lerne ich nebenher noch was von Bergen und Dirndl, höre einen Witz und bowle mittelschlecht, trinke bis gegen spät am Abend noch so viel Schlücke Wein und literweise Wasser, bis mein Hosenbund nicht nur kneift, sondern laut protestiert.
Mit all den Flaschen auf dem Tisch sind wir Diskussionsgegenstand Nummer eins im Restaurant, der Rest ist Tagungsvolk der Firmen Audi und OTTO (Versand).
Jetzt ist Feierabend, es gibt keinen Spucknapf mehr, jetzt darf getrunken werden.
Ihr lebt OTTO? Macht mal, wir leben Wein.

5mai08

(Letztes Bild, Arbeitstitel "Delinat verdunstet", von Peter Kropf.)

Im Fahrstuhl erkläre ich meinem Schluckauf, warum wir das zusammen durchmachen. Ich will alles wissen. Wirklich alles, und ich kann es mir noch nicht so gut behalten, wie ich es gern hätte. Sicher hätte ich mir einfachere Themen und Passionen aussuchen können, als den Wein, aber nun gut. Das Leben ist kein Ponyhof, und jede Traube hat so ihre eigene Art Religion, das wird wirklich nicht einfach.
Jetzt, nach gefühlt dreißig probierten Weinen zum Montag, da hege ich den irren Gedanken, in der Nacht menschliches Wissen einfach so abzuzapfen (USB-Stick ins Ohr) und drauf damit auf die eigene interne Festplatte.
In echt bäuchlings auf dem Kugelbauch im Hotelbett liegend, und mit allen noch willigen Fingern diese Zeilen hier tippend, ins OFF (noch), da ich nicht ins Netz komme.
Käme ich hinein, ich würde noch heute Abend an Ort und Stelle mein Hab und Gut verteilen, und Portofolio inkl. Lebenslauf aller Bewohner der Düsseldorfer Wohnung (ich, Mann, drei Fellchen, ein dicker Silberfisch) auf direktem Wege Richtung Frankreich schicken.
Vor meinem Fenster wieder Mückendisko, dank greller Energiesparlampe im Zimmer geschätzt um die 2,5 Pfund. Der See liegt tiefschwarz gut im Panoramablick, und ich habe mich langsam dran gewöhnt, keine Leuchtfeuer zu sehen.

Heute gelernt: Spucken! (zaghaft, mehr so Note 3-)
Neues Wort: Schlabbermasse
(= extrem süffig, geht besonders gut zu hochpreisigen Weinen. Wortrechte: E. Hauser)