Freitag, 25. November 2005


sie sass in der bahn, eine reihe hinter mir, eine generation älter als ich. die bahn war voll, die menschen wechselten, strömten, schoben sich. jedes mal, wenn sich jemand neben sie setzte -sie hatte den fensterplatz- dann sagte sie nur "ich habe noch 8 haltestellen, dann steige ich aus." die haltestellen konnte man runter zählen, jeder ihrer kurzen wegbegleiter blieb nur auf ein, zwei haltestellen, aber jeder einzelne fing an zu reden, nannte seine haltestelle, klagte über die kälte, die enkel, das jahr, die politik. dann wieder kurzer wechsel, nächster mensch, ihr satz "ich habe noch 4 haltestellen, dann steige ich aus."
frau eins erzählte über ihren marktplatzbesuch in der altstadt, die kälte, das wetter bis heute abend, und das gestern abend der harald schmidt und diese runde blonde beim jauch war. mann zwei, dass bei der kälte fast seine eier abfallen täten, seine pizza bis zu hause kalt sein würde, und das er sonnenstrasse raus müsse. mann drei, ein bekannter der dame, dass er im sommer in türkei fährt, diesmal ohne frau, frau nix gut, nix gut zu fuss, und in italien müsse man jeden schirm extra zahlen, und jede wasser. türkei gut, italien nix gut, schöne wochenend.
frau vier sagte, dass ihre ohren abgefallen seien, der wind wär schneidend, und das sie ihren hund zu hause gelassen hätte, bei dem wetter, weil das arme geschöpf sei quasi nackt, und der würde beim pinkeln ja am baum hängen bleiben, weil die kälte sei ja schneidend.
alle schienen im schon im vorweihnachtsrausch, vielleicht verteilt die stadt auch drogen auf dem marktplatz, so genau würde ich das nicht mitbekommen, aber alle wünschten der alten dame überschwenglich einen wunderschönen abend, ein wirklich schönes wochenende, alles liebe und überhaupt. alle.
sie stieg dann wie vierfach angekündigt nach acht haltestellen aus, stapfte gegen den schneidenden wind, wich einem ast aus, der vom baum fiel und schrappte ihren schuh am bordstein, um sich eines an der sohle haftenden kaugummis zu entledigen. ich sah ihr hinterher, verwundert über den mitteilungsdrang der menschen bei extremen witterungsbedingungen.

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