Montag, 27. Oktober 2008

150 minuten, 1 schokoriegel, eine bionade und viel ärgernis.

Na, weiß schon wer, worüber ich mich gleich aufrege?
Genau.
Ich war im Kino. Während zu Hause der Männerabend in der heimeligen Küche tobte, zog ich lieber durch das herbstliche Düsseldorf von dannen und ging in meine bewährte Fluchtburg, das kleine Kino 'Metropol' im Viertel.
Ich dachte, es wäre eine gute Idee, in einen möglichst langen Film zu gehen, und 150 Minuten sind da schon eine Versprechung. Der Baader-Meinhof-Komplex, und dann noch mit der Gedeck, das muss doch -
und dann kam schon der Vorspann und mit ihm die Erinnerung. Stimmt, eine Eichinger-Produktion. Und ochnö, der Bleibtreu ist der Baader. Ich sinke tiefer in den Sitz und freue mich über das nur zu einem Drittel gefüllte Kino. Komischerweise fast ausschließlich Omas mit Popcorntüten, die alle kollektiv ihre Mobiltelefone ausgestellt haben. Brav, dachte ich noch, und hatte keine Ahnung, wie geräuschvoll man mit den Dritten Popcorn essen kann.

Direkt viel aus der Getösekiste. Man sollte sich in der ganzen Sache ein wenig auskennen, weil viel an die Hand genommen wird man nicht. Vor mir sitzt ein Vater mit seinen zwei mitten in der Pubertät steckenden Kindern. Sie versuchen durchgehend, ihrem Vater Informationen zu entlocken, damit sie den Faden halten können. Die Omas lachen an komischen Stellen (Nudisten-Urlaub Sylt, Attentat auf Dutschke) und ich denke die ganze Zeit, warum muss da immer diese Musik im Hintergrund sein, als wenn gleich die Gladiatoren ins Bild rennen und den Schahbesuch mit aufmischen? Hält sich übrigens den ganzen Film über. Und hat Rudi Dutschke tatsächlich seine Schuhe und seine Uhr ausgezogen, nachdem mehrfach auf ihn geschossen wurde und blutüberströmt den geschockten Passanten erzählt, er müsse zum Friseur?
Dann all die Phrasen und die, welche irgendwie dem Drehbuch entfallen sind. Diese auf endlos produzierten Ballerorgien, Gewaltverherrlichung mit Musik im Hintergrund (Gladiatoren?), und was mir fehlte, die ganze Zeit über: Erklärungen und Einblicke.
Was damals passiert ist, weiß man mittlerweile. Der Rest, also die Jugend, holt das gerade nach. Ich hätte mir gewünscht, dass die Personen Meinhof, Baader und Ensslin genauer beleuchtet worden wären um ihre Motive und vor allem die Wandlung Ulrike Meinhofs besser verstehen zu können. Nur den Film zur Grundlage könnte ich jetzt meinen, als Auslöser hätte gereicht, dass ihr Mann sie mit diesem Blondchen vom Sylter Strand in den Gardinen betrogen hat und Gudrun Ensslins verbale Provokation im Gefängnis die Lunte gezündet hat. 'Endlich mal was machen', das Gefühl kennt ja jeder irgendwann einmal besser.
Und Baader? Kam der aus dem Nichts, wie im Film, ist cool und wurde immer cooler? Ich fand, er wurde in den Realaufnahmen immer psychotischer, aber im Film: Gediegenes Monologisieren auf hohem Niveau mit Kryptik galore, während sich gleichzeitig Frau Ensslin von zwei Pastoren bewundernd ihre letzte Vorhersehung abnehmen läßt. Überhaupt, Gudrun Ensslin. Ist ihr persönlicher Motor ihr Elternhaus mit Theologen und post-Anschlag plötzlich seelisch befreiter Mutter?

Ich weiß das alles nicht, auch nicht nach dem Film. Die Darstellung der Frauen fast wie eine Parodie zur beginnenden Emanzipation. Hektisch mit Wumme in der Hand und immer im Kleid oder Mini-Rock, Zigaretten drehend und blank ziehend. Die Männer spätestens ab Mitte genervt von den sich anzickenden, und hat Baader eigentlich jemals etwas anderes gesagt, ausser (Achtung, Googleblindführung) "Ihr _otzen"? Die tarantinoesk langgezogenen Ballerorgien, wo mir am übelsten die Tötung der Schleyer-Begleiter aufgestoßen ist. Überhaupt, Schleyer. Die Kinder vor mir kamen aus dem Fragen gar nicht mehr heraus. Fast wie eine Nebenfigur, so wenig kam er dran.
Zum Ende hin hatte ich die ganze Zeit den starken Drang, sehr laut -wenn auch allein- durchs Kino zu rufen, warum die denn bitte alle zusammen hocken dürfen, da in Stammheim. Und Fernsehen gucken. Gab es nichts zwischen Isolationshaft und Ringelpiez mit Wärter anschnauzen?

Trailer.

Martina Gedeck mag ich immer noch. Sie hat gesprochen wie Ulrike Meinhof. Das sehe ich jetzt noch genauer, wo ich mir im Nachhall erneut Material auf Youtube durchsehe. Ich versuche immer noch zu begreifen, was ich damals als Kind im Bademantel mehr als Grundstimmung im heimischen Wohnzimmer mitbekam, während in der Tagesschau Schleyer zu sehen war, und meine Eltern auf die Terroristen schimpften.

Als ich nach Hause kam, klaute ich dem Männerabend in einer unbeobachteten Sekunde ein großes Glas Muscadet und zog mich ins Bett zurück, Tatort gucken. Der war gut, da gab es Hamburg-Fernweh oben drauf.