Montag, 18. Mai 2009

#62

Zwei Jahre, und zurück bleibt Nichts. Nichts.
Nur Möbel, die jetzt nicht mehr passen. Jahrelang Altbau, und plötzlich passt all das nicht mehr.
Und dann: Die Luft Ende April.
Riecht und duftet zentnerschwer wie vor zwei Jahren, wie vor einem, eigentlich wie gestern auch. Satte Blüten gegen Autoatem, die Luft flimmert eine Weile, auch gegen Mitternacht. In der Innenstadt herrscht immer ein seltsames Klima, und der Herbst kommt fast nie. Ich schließe die Fenster, in denen ich eben noch lag, und frage mich, wie es wohl werden wird.
In diesem Raum passierte so wenig wie viel, die Energie riss mit und lähmte zugleich. Bald weg.

29april2009

Und überall Kartons, wo mir Koffer um vieles lieber wären.
Die guten Erinnerungen sind wie besoffen, am Ende hält man Luft in den Händen und hickst nach. Ich freue mich auf Neues. Freute mich. Ist ja schon gestern, all das.

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Im Supermarkt werde ich vom gleichen Herrn Schäfer abkassiert, der zuvor am Lottostand Dinge richtete, dann an der Fleischtheke einem Kind seine Scheibe Fleischwurst gab und der am Ende auf meiner Kartenabrechnung mit Namen erscheint. Das hat so was ehrliches, Tante Emmaeskes. Zur Feier des Gedankens kaufe ich einen Topf Klatschmohn. Es gibt alles, in diesem Edeka, und Dienstags wie Donnerstags Frischfisch.

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Die Nachbarn kennen jetzt meine Unterwäsche, und ich ihre. Sowieso: Man trifft sich morgens ungekämmt, also noch Nachtfrisch und ganz locker in Casual (Pyjama oder Freizeitseide) an der gelben Tonne im Garten beim Entsorgen und Müll trennen. Dann lamentiert man über das Wetter, während die Breckie-dicken Nachbarskatzen den Weg nach Hause quer über die Zäune finden.
Steter Rhythmus, hier wird er gelebt.

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Waschkeller. Der Duft nach Kochwäsche, Persil und Tatendrang einer Maschine. Stehe ich im Erdgeschoss und die Maschine schleudert entschlossen und wild, dann muss ich lächeln, weil in allen Etagen unser Leben passiert, und kein anderes mehr hineinfunkt.

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Zehn Minuten vor der Haustür, alleine ohne Passanten, ohne Dealer, Junkies, Berufschülerhorden. Dann kommt der Nachbar von zwei Häuser weiter. Wetter, Hunde, Paketdienst, dann sind die Themen durch, und man geht seiner Wege, er zu Fuss, ich in Gedanken. Ich stehe einfach so vor meinem Haus, und keiner findet es seltsam. Noch nicht einmal ich.

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Die Nachbarin sagt ‚Heut kütt der Kaminsfeger.’ Und meint, dass der Schronsteinfeger seine Runde dreht. Ich lächel und sehe mit ihr in den Häuserhimmel, die Zeit zum warten muss sein. Als er keine zehn Minuten später über die Giebel hüpft, lächelt sie und sagt ‚Der kann dat. Der letzte rutschte auf seinem Hintern über die Dachziegel, vor lauter Bangebüx. En Kaminsfeger, der die Höhe nicht abkann, wo jibbet denn dat?’

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Die Kleider, welche ich vor dem Umzug tapfer und und hart mit mir aussortiert habe, die lege ich jetzt Stückweise wieder in eine hintere Ecke im Schrank zurück, und sage laut „Die sind noch gut, für den Garten.“ zu mir.
Gut so. Für den Garten.

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Bei der S8 Richtung Düsseldorf wackelt mein Arbeitszimmer.

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Ich neigte zwei, drei Tage nach dem Umzug (Kartonphase) sehr plötzlich dazu, wie meine Mutter über jede gefühlte Unordnung Handtücher zu legen, im Bestfall alte Badehantücher. Positive Urlaubsassoziation liegt auf der Tüte mit der Trödelmarktklamotte. Umzugshaufen mit Handwerkszeug und generell Zeug, was noch keinen Platz hat? Kein Problem. Handtuch drauf. Weg.
Handtuch. Die Tischdecke der Kartons.
Und als ich am Sonntag bei meiner Mutter sitze und in Butter ersäuften Spargel esse, da sehe ich die Wurzel meines scheinbar vererbten wie frischen Übels. Ein Handtuch quer über irgendwas, das Darunter ward nicht mehr gesehen.
Ich legte diese kurze Eigenschaft mit dem letzten Bissen Spargel ab.
Weg.

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Haus. Im Garten sitzen und einem Ameisenstaat beim Werken zusehen. Käfer kreuzen Wege, oft auch meine, befühlen meine Füsse und gehen weiter. Das Gefühl, in all dem zu sitzen, als quasi-Besitzer dieses kleinen Stückes Welt, und all diesen Lebewesen ein Zuhause zu geben, Welt zu sein, zu sichern, für Millionen.
An Eddie Murphy und die Men in Black denken. An den Lachkrampf im Kino mit der besten Freundin der Welt, als J diesen Spind aufmacht, und diese Dings mit Fühlern ein Fest starten, in der gleichen Sekunde. ‚Wir preisen J!’ rufen sie, und ich sitze lachend in meiner quasi-Wiese, Ameisen betreten mich, ungerührt, ungepriesen.
Trotzdem und egal. Platz machen für die Kleinsten. Mein kleines Stück Ökoland, bewohnt von Milliarden von Krabblern, die alle etwas zu tun haben.
Unbezahlbar.

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Neue Nachbarschaft. Im Traum statte ich meine Katzen mit T-Shirts aus. „Bitte keinen Kaffee geben!“ steht drauf.
Katze unterwegs, überall in der Nachbarschaft gurgeln die Espressomaschinen los, Senseo-Gedröhne, die ganze Klaviatur
der Kaffeebereiter, und mitten drin meine Katze mit T-Shirt.

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Heute.
Montags morgens mit einem Feiertag in naher Zukunft. Um kurz nach sieben drängen sich Geräusche in meinen Traum,
die seit dem Umzug eine wichtige Funktion haben: Das Geräusch von rollenden Mülltonnen!
Hier bringt man seine Tonnen selbst an die Straße, und eigentlich habe ich mir das fest für heute Abend notiert.
Augen kaum auf, schon in Garten und im Schlafanzug über den Zaun hängend nachsehen, wie viele Tonnen schon an die
Straße gestellt wurden. 5.
Fünf ist nicht viel, aber mehr als eine, also kurzes Abwägen von ‚schnell die eigenen (grau und gelb) raus schieben’, oder
Pokern und erst Mal im Netz auf den Abfallkalender und die Ausnahmen bei Feiertagen’ gucken? In der Zeit könnte die Müllabfuhr kommen, und so knapp wie ich neulich noch mit der blauen Papiertonne auf den Abholdienst prallte, möchte ich das nicht jedes Mal halten.
Als ich die graue (schwer) und die gelbe (mief) im Schlafdress auf die Straße zerre, kommt der Nachbar von zwei Häuser weiter in seinem LKW vorbei, lacht und grüßt winkend. Und ich stehe da und lache auch, und denke, dass es egal ist, ob man in Schlafklamotte seine Tonnen ausfährt, Hauptsache man verpasst die Leerung nicht.

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Sonne. Kaiserwetter!