Donnerstag, 20. September 2012

Reisenotizen Normandie September 2012 - Tag 3

Montag, 10.09.2012

Unruhige Nacht, die ging um 7 vorbei. Die versammelten Hähnchen der Region gaben sich ab halb 6 alle Mühe und lieferten ab, was ging. Die Gänse johlten mit. Und der Mann neben mir, der hatte ziemlich viel Glück, dass ich ihm in der Nacht irgendwann nach 1 nicht ein Kissen aufs Gesicht gedrückt habe, und später vor Gericht auf mildernde Umstände gepocht hätte, weil er im Schlaf durchgehend ruderte und strampelte, und das in diesem kleinen Bett in diesem kleinen Raum. Budenkoller, dazu der leise und herrlich entspannt schlafende Köter zwischen meinen Beinen. „Platz ist in der kleinsten Hütte“ mantraierte ich um Ruhe bemüht bis gegen Morgengrauen (das Wort, haha!) vor mich hin. Jedenfalls geht ja alles immer total gut aus, und so war ich (und jede Zelle meines Körpers) voll gut drauf, als endlich eine gute Zeit zur Bettflucht anbrach. Draußen wurde es gerade hell, und die Gockel waren noch alle gut in der Puste.
Auf der Kaffeemaschine sind in der Seitenleiste mit den Ziffern 3 bis 18 übrigens nicht die Tassen gemeint, sondern die Minuten, die es „noch braucht“, bis der dringende Sud durch ist. Und wenn man die noch mal doppelt, dann passt es. Eine kleine Kanne Kaffee gurgelt somit mit einer Warp-Geschwindigkeit von 30 Minuten durchs Nadelöhr, gefühlt sind das 2 Jahre - und nein, er schmeckt dadurch nicht doller. Die Maschine gibt ihr Finale durch drei dampfende Stoßseufzer bekannt. Das macht direkt neben der Maschine auf der Arbeitsplatte schlafenden Menschen direkt wach, jetzt kann eingeschenkt werden.
Gerade durch die ersten Schlücke (noch an der Maschine!) abgelenkt, kommen gut gelaunt der ausgeschlafene (und ausgetobte) Mann und der Hund an mir vorbei, und gehen total außer der Regel zusammen Gassi. Ich sprachlos (aber mit Kaffee, falls noch nicht oft genug betont) und der einzigen Sache beraubt, auf die ich mich die ganze Nacht gefreut hatte:
Ausgiebiges Meergassi in klarer Morgenluft. Gold im Schlund und so.
So stand ich denn da, mit meiner morgendlichen Betriebsamkeit und hatte rein gar nichts zu tun. Muss man ja auch mal erwähnen, wenn man so von 200 auf 10 fährt, was die Aktivität angeht. Einmal durchgefegt, die Tasse in die Spüle gestellt, fertig. Und dann?
Hab mich dann erst mal raus in die Sonne gesetzt und Schlingensief weiter gelesen. Macht jetzt auch nicht so wirklich froh.
Irgendwann, wieder gefühlte Stunden später, setzen wir uns ins Auto und fahren ans Meer. Also an eine andere Stelle, da wo der ‚grand Sable’ war. Heute, am Montag, ist es im Gegensatz zu gestern herrlich leer. Wind, ein paar dicke, fluffige Wolken die dunkle Kleckse auf das türkise Meer werfen, kaum belebter Strand, keine 20 Grad. Fast 10 Grad kühler als gestern, und der Parkplatz ist heute für lau. Ich komme gar nicht schnell genug aus den Klamotten raus, wie ich ins Wasser will. Ist mal wieder typisch für meine Wikinger-Gene. Gestern bei knapp 30 Grad und einem lebhaften Strand hab ich kaum Lust und will nach Hause, und bei der Witterung heute: Unter zwei Minuten im kalten Wasser und nicht mehr raus zu bekommen. Herrlich, einfach so in den Wellen rücklings zu dümpeln, ab und zu wird man hochgeworfen, dann untergedippt, dann hat man hellgrüne Algen in den Haaren und auf den Schultern, die Alabasterküste sieht wahnsinnig hoch aus, und wunderschön, und das Meer riecht nach Salz – mein Element. Ich schipper rücklings durch die Wellen, lasse die Füße rausgucken, und kann mich an dem blauen Himmel mit den Flauschwolken über mir nicht satt sehen. Alles.Ist.Gut.

Danach konnte es ja nur bergab gehen, irgendwie. Nach Hause, Hund küssen, trockene Sachen anziehen, weiter ins Einkaufszentrum. Werde minütlich todmüder, und eben so neu wie meine Mittagsnickerchen ist meine Übellaunigkeit, wenn ich müde werde. Kenne ich sonst nur, wenn ich sehr hungrig bin. Jetzt also auch bei Müdigkeit, nun denn. Die Erschöpfung kommt durch, wieder einmal, ob sie nun passt oder nicht. Wir kämpfen uns durch Einkaufsgänge in denen -wie üblich in Frankreich- Wintertemperaturen herrschen.
Schlafe im Auto im Sitzen ein.
Zurück im Haus noch schnell ein Baguette, einen Rosé, dann auf allen vieren ins Bett. Gefühlt ist es nach Mitternacht, in echt ist es irgendwas nach zwei. Ein paar Seiten im Buch, Schlingensief kämpft gegen den Tod, ich gegen den Schlaf, ergebe mich, alles schwarz.
Über eine Stunde habe ich mit dem Kopf auf dem Hund gelegen und war wie tot, hörte mir heute nicht zu, alles an mir schlief. Danach kaum noch in den Tag zurück gefunden. Kaffee half nicht, Wind nicht, Dusche nicht. Ich war total taub. Da hilft nur eins: Zurück ins Meer, ins Wasser. Ein Lichtblick in diese wirklich schlimme Stimmung. Meer hilft immer. Nach der Hunderunde auf direktem Wege zur Küste, aber ach – die Flut zu hoch, der Strand weg, der Einstieg wäre über die Steintreppe direkt in die Wellen gewesen. Im Wasser selbst Felsen und Gedöns, zu gefährlich. Die letzte Rettung sank vor mir weg. Nullpunkt.
Irgendwann war es Abend, dunkel, ich ging noch einmal unter die heiße Dusche, und dann plötzlich: Ruhe in mir. Die Aggression, diese Taubheit, die ganze destruktive Scheiße des Tages, die im Urlaub und auch sonst nichts zu suchen hat: weg. Endlich.
Das Buch wühlt auf, auch unbewusst. Die Reizüberflutung des Alltags fehlt, ebenfalls nicht bewusst. Ich denke eigentlich nie, dass ich jetzt gerne mal eben online wäre, oder Mails abrufen möchte. Aber ich merke, dass man sich sehr schnell ablenken kann, wenn man missgestimmt oder down ist, und das geht hier halt nicht mal so eben. Bücher, Wolken gucken, Patiencen legen. Gehen. Mit der Stimmung auseinandersetzen, statt sie direkt zu ersetzen mit Serie gucken, doppelte Kaffees, telefonieren, laute Musik hören, Haus schrubben, oder was auch immer. Das Buch wühlt auf. Schlingensief kämpft und reflektiert, und fragt sich und ist böse, und das durchlebt man mit, auf den Seiten. Und man weiß die ganze Zeit und das Ende, und als ich die letzte Seite gelesen habe, draußen vor dem Haus, da kam M. grad raus. Ich klappte das Buch zu, fing an zu heulen, und konnte auf sein „Und?“ nur „Ungerecht!“ sagen, das aber zwei oder drei mal.

Jetzt ist es irgendwas nach neun. Die Luft draußen ist mild, ich habe alle Fenster im Wohnraum weit geöffnet, die Vorhänge tanzen. Ein Glas Rotwein zur Nacht und die ersten Seiten in einem frischen Buch, „Tschick“ sein Name. Herr, wirf Schlaf vom Himmel. Und einen guten Dienstag, wenn Du schon dabei bist. Dein Schaf Lu auf Urlaub.




Mittwoch, 19. September 2012

Hans im Glück.


schiffersklavier | © Lu um 22:53h | keine meldung | meldung machen?

Dienstag, 18. September 2012

Reisnotizen Normandie September 2012 - Tag 2

Sonntag, 09.09.2012

Der Hund ist um 7:50 ausgeschlafen und ich um 7:51 mit nass gelecktem Gesicht wach und schaue auf die Uhr vom Handy. 7:51. Fast zehn Stunden geschlafen, ich bin fassungslos. Draußen vor dem Fenster drei oder vier Hähnchen in akustischer Konkurrenz oder im Chor, so genau weiß ich das jetzt auch nicht. Die Luft ist samtweich und leicht salzig, die Kaffeemaschine unglaublich langsam, die Gockel haben immer noch genug Puste um das Dorf in seinen Grundfesten zu erschüttern. Ich begeistere mich an den Seiten 48 und 49 aus Schlingensiefs Buch, während es in meinem Rücken bedrohlich gurgelt und dampft. Alles unglaublich. Also unglaublich gut.

Eine gute Stunde später rennt besagter Hund weg, immer gerade aus, über ein Feld Richtung Küste, einem gut gebauten Hasen hinterher. Ich bilde die dritte Staubwolke im Acker, man erkennt mich an der lauten Schimpfe und den derben Flüchen, die ich dem Hund hinterher rufe. Der hört mich nicht. Hat zu tun und sowieso: Wind. Irgendwann haben wir uns wieder. Ich Puls von 280, der Hund Schaum vorm Mund, alle staubige Socken. Er wieder an der Leine. Sausack.

In der prallsten Vormittagssonneetwas getan, was ich seit drei Jahren nicht mehr getan habe, zumindest in dieser Form. In bin in ein eiskaltes Meer gegangen, Stück für Stück, und bin geschwommen, Meter für Meter. Vorher, in der runterkühl-Phase, noch eine fliegende Ameise mit dem Finger aus den Wellen gerettet und pragmatisch auf dem Kopf abgesetzt. Den will ich heute nicht unterdippen, zu sonnenheiß, da kann sie ihn Ruhe trocknen und abdampfen, wenn sie wieder flugfähig ist. Irre, wie weit diese winzigen Körper fliegen können. So zogen wir zu zweit ein paar kräftige Bahnen, und ließen die Alabasterküste im Rücken zurück.
Also nicht wirklich. In echt strampele ich durchgehend, damit meine Kerntemperatur nicht unter „lebendig“ fällt und denke darüber nach, wie seltsam es sich anfühlt, den eigenen Körper in Badeklamotte im offenen Meer. Kein Teich, kein See, kein Bassin – nein, Meer. Salziges, herrlich kaltes Meer mit Wellen. Als ich wieder rausgehe, mit Algen bedeckt und einem schönen, blass-blauen Teint, da ist der Strand voll und ich will da weg.
Zurück im Chalet, keine dreißig Minuten später, liege ich salzig und mit meiner kompletten Erschöpfung der letzten Monate im Bett und: bekomme den Kopf nicht aus. So habe ich das seltsame und fast befremdliche Erleben, dass mein aktiver wacher Geist meinem schlafenden Körper beim Atmen zuhört. Richtiges Schlafatmen, stoßweise, tief, ruhig. Gott sei Dank bin ich nicht seitlich aus mir selbst gekippt, und nach Deutschland geschwebt, man liest ja manchmal so Zeug, wo Leute dann betroffen bei Lanz sitzen und erzählen, wie ihr Astralkörper nicht vom Telefonmast wegkam, Energiebarriere und so.

Unsere Nachbarn im Chalet gegenüber, die mit dem Pitbull, kommen aus Rotterdam. Wir stehen zwischen unseren Häusern und einigen uns auf Englisch, und ich wundere mich, wie Hundebesitzer so blass sein können. Beide sind weiß wie die Alabasterfelsen – aber mit Hund ist man doch andauernd draußen und trägt mindestens –wie ich- eine schicke Maurerbräune, also Gesicht und Arme an Shirtärmelhöhe sind mit einem Teint versehen. Ich tippe innerlich auf englische Vorfahren oder Mondscheinkrankheit.
Erzähle nebenbei, dass wir unsere eigene Spinne mitgebracht haben. Die lebt im Außenspiegel des Autos, und hat die ganzen knappen 600 km verpennt. Kommt jetzt abends raus, macht ihr Netz frisch und wundert sich sicher über die salzigen Insekten. Ich spiele laut mit dem Gedanken, sie hier zu den anderen Spinnen in die gigantische Hortensie zu setzen. Die ist traumhaft, und mir gefällt der Gedanke, dass sie dann in der Normandie wohnt, am Meer. Hat es schon mal einer aus unserem Haushalt geschafft, ans Meer zu ziehen. Kann leider keine SMS schreiben, oder uns Einladen. Naja.

Abends ein gigantisches Stück Lachs verputzt. Leider wässrig. Leider egal weil Seelufthunger. Dafür war der Muscadet süß statt salzig - verkehrte Welt heute. Viel rumgesessen und gelesen, dabei den Wetterwechsel der alle zwei Minuten stattfand, ausgiebig angeguckt. Wann hat man da schon mal so lange Zeit für. Zur eigentlich blauen Stunde noch mal den Hund gesattelt, und in grauem Licht ans Meer, Kühe gucken.
Am Meer viel Dunst und gallige Jungbullen. Leo pullert einem direkt vor die Nüstern, was den wie wild Scharren lässt. So stehen sich ein Hunde-Macho und ein Bullen-Macho gegenüber, und Scharren und Wetzen was der Boden hergibt.
Und als es so richtig gemütlich bleigrau wurde und kaum noch Licht da war, da fand ich, jetzt ist Zeit für den Dorffriedhof. Dieser ist im Kern, direkt um die Kirche herum, über breite Stufen einer Natursteintreppe einladend begehbar. Ich mag die Tatsache, dass in den alten Dörfern die Toten ein Teil des täglichen Lebens sind. Der Bäcker, der Metzger, die kleine Kneipe und der immer geschlossene Lebensmittelladen sind direkt um die Kirche herum, und die Steine und Kreuze publik. So kann man beim täglichen Brotkauf mal eben zum Beispiel seinem Opa zuwinken, oder in der Schlange im Tabakladen über den Onkel nachdenken, der da hinten links genau so im Abseits liegt, wie er Zeit seines Lebens auf Familienfesten im Abseits lag. Viele Gräber sind neu (2005), manche, direkt daneben, sind so alt, dass man nichts mehr erkennt, außer einem Kreuz. Alle haben viel Marmor und kleine Tafeln mit Sprüchen drauf. Merci! steht simpel auf einer. Was will man auch sonst sagen, außer ein Danke. Das hier ist alles auf Ausdauer angelegt, nicht auf Vergänglichkeit. Die Gräber bleiben bestehen, auch im rauen Meerklima.

Aktuell ist es 21:18, alle todmüde, aber jetzt schon ins Bett? Tage sind ohne Arbeit, Internet, Telefon und TV tatsächlich lang. Der war lang genug, ich geb nach, Morpheus Arme locken.



Montag, 17. September 2012

Reisenotizen Normandie September 2012 - Tag 1

Samstag, 08.09.2012

Eine Stunde zu früh angekommen, also 15 Uhr am Nachmittag. Dank nicht passierter aber erwarteter Staus etcetera- da steht man dann da, total „in der Zeit“, und kommt nicht in sein Domizil der kommenden Woche. Diese Stunde dann quasi null vorbereitet verdaddelt mit einem durstigen Hund und zwei schwer verschwitzten Menschen, die eigentlich nur noch ankommen wollten. Alle bemühten sich um eine locker am Strand verbrachte Stunde. Meer gucken, haha. Guck mal, Steine, und haben wir Glück mit dem Wetter!

Danach endlich (!) klare Verhältnisse durch einen Hausschlüssel, eine Toilette und ein ausgepacktes Auto. Ich, als Frau, fülle das Nest freudig mit dem irrwitzigen Inhalt aller Koffer und Taschen. Der Hund hat genau so viel mit wie wir. Der Mann plündert derweil im E. Leclerc.
Dazu: Gegenüber wohnt direkt eine totale Herausforderung. Ein männlicher Pitbull (kräftige Sorte, nicht grazil sondern bullig) namens Nero. Dieser reißt sich bei unserem Anblick sofort freudig mit dem ganzen bulligen Körper wackelnd von seinem Gartenauslauf (Hering im Boden mit Flexileine) und rast wie ein Kugelblitz durch unser Chalet, zerfetzt nicht unseren Hund und lässt erstaunlicher Weise auch sonst alles an seinem Platz. Meine Proll-Töle ist so arg verdutzt, dass ihm das Bellen im kurzen Halse stecken bleibt. Danach sind beide Freunde und haben sich die ganze Woche verknallt im Blick. Der Mann ist Gott sei Dank immer noch im Supermarkt und bleibt somit einem Infarkt fern.

Abends (also Minuten später) viel Bier, Bücher, und Leerlauf. Gegen 21 Uhr blaue Stunde. Wir rennen konfus weil übermüdet und mit Bier statt Blut Richtung Strand, halten die scharf gemachten Smartphones in den Himmel und knipsen uns die Karten rund. Alles schön, alles Wow, danach duschen und in Schlafklamotte noch mal den Hund vor die Holzhütte, welcher routiniert das Gebiet wässert. Danach alle in die klitzekleine Schlafkammer. Ich habe dazu einen klitzekleinen Ausblick in den Sternenhimmel und renne direkt noch mal vors Haus. Ist das der Hammer! Das All eine Halbkugel um mich herum, jetzt und hier kann ich es sehen. Ich lasse mich auf die Wiese fallen und starre in den Himmel. Alle da – große und kleine Wagen, Milchstrasse, Nordstern plus Kumpane. Irre. Irgendwann wieder zurück in die Schlafkammer, großer Kampf um eine gute Position auf 160 cm Bettbreite. Der Hund gewinnt gegen drei in der Nacht. Vorher noch Schlingensief lesen und auf den kommenden Tag freuen. Honig-Baguette, Kaffee, Sonntag und ein Meer zum drin schwimmen. Yay!


Reisenotizen Normandie | © Lu um 00:54h | keine meldung | meldung machen?

Dienstag, 4. September 2012

04-09-2012

Fast zwei Jahre ist es her, dass ich im Wallis die Trauben habe baumeln sehen, die Reisenotiz dazu findet sich hier.

Jetzt gibt es einen sehr feinen kleinen Film dazu, der die Tage auf 3Sat lief.

Ich kann es übrigens kaum erwarten, dort mal wieder durch die Rebzeilen zu stolpern und mit Kuhglocken im Hintergrund einzuschlafen.


Samstag, 25. August 2012

25-08-2012

Die letzte Woche trotz der Woche überlebt. Eigentlich ging alles gut ab Sonntag. Dann kam ein sehr heißer Montag, den ich im See liegend verbracht habe. Coco bekam gegen Nachmittag eine abgerockte Alge mitgebracht, und ich hatte -auch mal schön- einen herrlichen Ausschlag an beiden Armen zu verzeichnen. Direkt auf die meterlange to-do-list geschrieben: Elbsee googlen, Quaddeln!
Dann ging alles ganz schnell, und ich saß plötzlich schon im Zug nach Hamburg.
Hamburg.
Früher (TM) ging das dann so, dass man am Ende einen langen Blogeintrag schrieb. Mit Verlinkungen auf die Menschen die man traf, auf die Orte, die Restaurants, und dann noch die Photos von Kamera auf die Platte, Photoshop, alles kleiner, dann zu blogger.de hochladen, etcetera. Aber hey, wir haben doch nur ein Leben, und der Grund warum die ganzen Social Media Dienste den Blogs oft den Rang ablaufen ist: die gehen schnell. Mal eben im Hafen ein Pic, zack, pur oder bei Lust über Instagram, die Frage "wohin" mit ein paar Häkchen, und wenn ich da Lust drauf habe, geht mein Bild nur ein paar Schritte weiter zu Facebook, zu twitter, zu tumblr - wohin ich möchte. Nur nicht in dieses Blog hier. Schade eigentlich.

Ich fuhr das erste Mal mit der neuen Bahnlinie HKX. Steht für Hamburg-Köln-Express. Die sind noch keinen Monat dabei und nutzen leihweise ausrangierte 1.Klasse Wagen der Rheingold-Linie. Farb-und Musternostalgiker kommen da so was von auf ihre Kosten. Ich empfehle das jetzt warm.
Hinfahrt: Am Bahnsteig gibt es von den Service-Leuten am Info-Point keine Aussage ausser "leider leider wissen wir das nicht" auf meine Frage, wie der Wagenstand bei dem HKX-Zug ist. Der hält da mit seinen 4 Waggons zwei Mal täglich, aber der DB-Mann leidet wohl an Gedächtnisschwund der arbeitsvertraglichen Art. Egal, bei vier Waggons ist das übersichtlich, ich kann mir da alleine helfen.
Das Zug-Personal ist bemüht, sehr nett und wirkt ein wenig, als wäre es gestern für wen eingesprungen. Ich blicke noch nicht ganz das gefächerte Aufgabengebiet, welches sich mir in voller Bandbreite bei der Rückfahrt outend offenbart.
Achtung, es folgt Werbung!

Meine Fahrt von Düsseldorf nach Hamburg kostet 20 Euro.
Hätte ich das Radautölchen mitgenommen, hätte er mich 10 Euro gekostet, statt ein voller Kinderpreis bei der DB. Überhaupt: Billiger als 60 Euro pro Strecke DUS-HH bin ich bei der DB noch nie gereist. Dazu kommen die Sitzplatzreservierungen, die ich immer mache. Bei der DB 4 Euro pro Platz. Da kann ich angeben was ich möchte, es wird aber nicht garantiert. Bei HKX?
Ich suche mir online meinen genauen Sitzplatz anhand der angezeigten Waggons aus, und das alles umsonst. So einfach geht das.
Die Waggons - wie gesagt - pure Nostalgie. Wir sitzen mit viel Platz in einem 6er Abteil, das nette Personal ringt um Routine. Die Fenster könnte man öffnen, wenn man wollte. Wie früher, am Bahnhof die Haare flattern lassen. Irgendwann bleibt unser Zug stehen, irgendwo bei Wümme. Es folgen Durchsagen der jungen Dame, die sich schon an jedem Bahnhof mit dem üblichen Text bekriegt. Der übliche Text wäre "Es gelten nur HKX-Fahrscheine, die der deutschen Bahn mit allen Upgrade- und Nahverkehrstickets gelten nicht auf diesem Zug." Bekommt sie nie hin, redet aber charmant witzige Quersätze. Während ich in meinem 1. Platz-Sofasitz der 70er lümmel und mir vorkomme, als mache ich InterRail durch die Ostzone, regnet folgender Satz auf uns nieder:
"Sehr verehrte Damen.
Wir stehen außerbetrieblich und haben eine planmäßige Störung."

Haltloses Lachen im Abteil, die Herren fühlen sich ausgeschlossen.

Es folgen Aussagen wie, dass bald alles gut wird und der Wagenmeister sich der Sache annimmt. Im gleichen Moment schnauft der Ticketmeister an uns vorbei und zieht sich eine grell-farbige Sicherheitsweste über. Zwischen den Zähnen klemmt ein sehr großer Schraubenzieher. Unser Abteil fängt verbal an zu feiern. Nächste Durchsage meint, wir führen bald weiter und sollen uns vor allem keine Sorgen machen. In den umliegenden Abteilen schwören sich wildfremde Menschen, sie würden bei der nächsten Ansage im Rudel den Zug verlassen und dann mal weiter sehen.
Hätte es Sekt gegeben, wir hätten alle einen Strohhalm geordert. Was will man auch machen? HKX hat geschätzt vier Züge auf der Strecke. Die Chance, dass einer Zeit hat und uns alle aus Wümme wegzieht ist da mathematisch gering.

Die Stimme aus dem Off wiederholt, wir sollen uns keine Sorgen machen. Sofort nuppen wir alle weg, irgendwo in der Pampa. Dieser Zug lädt ungemein zum schlafen ein. Diese ganzen neumodischen hydraulischen und technischen Geräusche eines gängigen ICE fehlen angenehmerweise. Nur ruckeln, dampfen und fahren. Das ZEN der Reisenden.
Dann ruckelt der Zug los, nach einer gefühlten Ewigkeit. Mit ca. 50 kmH rattern wir gen Hamburg und kommen alle glücklich und erheitert an.
HKX? Find ich gut. Weil: Das passiert bei der DB auch andauernd, aber die watschen ihre Fahr"gäste" routiniert ab, statt sich Mühe zu geben.

Dann Hamburg.

Ich komme viel zu spät für meine Termine an, lege alles um und gehe nicht über Los, sondern direkt zu A. -
Wir rattern kurz die Themenüberschriften des Abends ab, beschließen einen Absturz, und eilen in die Ufer-Bar. Super Wahl. Am Kanal in relativer Bettnähe zu sitzen ist nicht die schlechteste Entscheidung, wie sich viel später herausstellt.
Wir reden und reden und feiern nach und feiern vor, irgendwann singt ein Folk-Musiker, wir klatschen artig, und essen unseren Flammkuchen gierig mit den Fingern. Es gibt Wein, und zwar immer den, welchen wir nicht bestellt haben. Die Kellnerinnen sind Zucker, wir beraten hier, kichern da, irgendwann ist es nach Mitternacht und wir hinterlassen drei leere Weinflaschen und einen abgeschmolzenen Eisberg im Kühler. Der Weg nach Hause ist konkurrenzlos zu der Szene im Film "Fear and loathing in Las Vegas" zu sehen. Die Szene, wo die Protagonisten im Ätherrausch ins Casino -ehm- gehen. Nur wir, wir lachen durchgehend.
A. twittert am nächsten Morgen folgendes:

"Liebe EppendorferInnen: Die beiden Damen, die gestern den gesamten Bürgersteig für ihren Heimweg brauchten, haben Wein sonst total im Griff. "

Die eine Dame, also ich, hatte am nächste Morgen Wangenweh vor lauter lachen über den Heimweg, und war seelig, dass das trific schon zu hatte. Sonst wären wir dort eingefallen und hätten lautstark Olivers Nussbrand gefordert. Mit Schirmchen!

Jedenfalls der folgende Morgen ohne Kopfweh, dafür dringender Lagerschwindel. Kichernd und strubbelig den Kaffee inhaliert, die Dusche als Medikament, die hamburgische Sonne als Topping. A. in die Agentur, ich nach Altona, B. treffen. Komisch, wie man auch real unbekannte Leute sofort erkennt, wenn sie lachend auf einen zukommen. Stunden durch Hamburg, Endstation Fischmarkt. Klinke in die Hand, und im bekannten Konfi-Raum der Digital Pioneers einchecken. Treffen mit F., unter uns fahren Schiffe. Dann weiter, irgendwo und eigentlich wie immer bei Hoppe einen eiskalten Weißwein. Sammeln, die DMs von Facebook beantworten, den Abend regeln. Zurück mit der Fähre, und über den Kiez. Ohne D. wie angedacht, aber den Weg finde ich auch so.
Den wichtigsten Hamburg-Grund treffen. Im "Backbord" auf St. Pauli habe ich meine erste vegane Currywurst mit einem aufgebrühten CabSov. Ich freue mich über R., der in Mäusehappen sein Bio-Schnitzel erlegt, und klaue seine Pommes. Zum Abschluss in den Apple-Store der Sex-Shops, wir tingeln durch die Boutique Bizarre auf der Reeperbahn und ich fotografiere heimlich ein Lack-Einhorn mit Trense.

Donnerstag. Ich bin müde. Immer so müde. Dennoch sitze ich geputzt um 9 bei Toni's auf dem Eppendorfer Weg und treffe S.
Eine Stunde ist kurz, aber ich streichel wie vor drei Jahren als eine der ersten sein druckfrisches Buch und wir erinnern uns genau daran.
Die to-dos wollen, aber ich nicht. Sitze statt dessen danach bei Wasser und dringenden Themen mit meiner lieben Gastgeberin A. auf deren Couch und wir tun das, was wir immer tun. Reden.
Dann sie in die Agentur, sehr spät, und ich ein paar Geschäfte gucken und in den Hafen. Ich kann nicht mehr, bin müde, der Kopf schwirrt und ich werfe Pläne um und lasse mich in Sand und Sonne nieder. Erreiche dann meinen Zug am späten Nachmittag. Habe Glück mit einer sehr netten Mitfahrerin, die für ein Klatschblatt schreibt. Wir erzählen bis Essen, allein im 6er Abteil, dann ist sie raus und ich fast zu Hause.
Um die Werbebrücke zu HKX noch mal zu finden:
Auf der Rückfahrt (18 Euro inkl. Platzreservierung) keine Unterbrechung, Wümme zog anstandslos vorüber. Es gab leckeren Kuchen und Kaffee, der Ticketprüfer bestand darauf, den Kuchen selbst gebacken zu haben, und der Zugführer hatte Nachtwache am Zug, damit dieser weder zerstört noch besprüht wird. Man weiß ja nie.

Das mache ich jetzt öfter, HKX muss man dringend unterstützen, damit sie der DB die Stirn bieten können, und auch andere Strecken ins Programm aufnehmen können. Berlin und München, nur als Beispiel.

Ohne Pointe: Punkt.

Bilder folgen, finde das Kabel nicht.


Samstag, 18. August 2012

17-08-12

Meine Hände riechen nach Nikotin, das erste Mal seit 14 Jahren.
Vorab, so zwei Stunden vorher, da saß ich heulend im Auto auf dem Metro-Parkplatz. Das mir vorab unbekannte Lied von Cro hat mich voll von der Seite erwischt. Ich bin sicher weder Zielgruppe, noch höre ich Freitags abends gegen 21 Uhr Radio - sollte mir eventuell zu denken geben.
Jedenfalls lief das hier



und ich hätte eine Taschentuch gebrauchen können. Danach "Anna" von Freundeskreis, das kannte ich textsicher, aber da lag ich schon wieder in trockenen Tüchern.
Der Druck grad, sehr hoch. Vor drei Wochen war meine liebe Freundin A, jetzt wohnhaft in B, zu Besuch. Wir saßen in Gewitterluft beim Italiener in der Innenstadt. Die Gegensätze des Abends. Ich in schwarzer Klamotte, frisch aus dem Studio, wo es den ganzen Tag heiß, voll und laut war. Sie im knallengen Sommerkleid, lackierte Nägel, passender Lippenstift. Toll.
Aber, und jetzt die Kurve zu mir, rauchend: Sie holte in Abständen immer diese orange Knautschpackung aus ihrer Handtasche. American Spirit, quasi die Voll-Bio-Zigaretten unter allen Zigaretten. Ich bin nicht Objektophil, aber diese Packung hat mich seitdem verfolgt. Kam ich an einem Tabakladen vorbei, hab ich mich gefragt, ob die wohl diese orangen Knautschpackungen führen?
Ich bin seit 14 Jahren rauchfrei, vorher voll Addict, zwei Packungen am Tag, gerne die 100er, stark. Ich hab über Nacht aufgehört, und es hat rein aus der Überzeugung geklappt.

Eben die erste Zigarette seitdem. Im Garten, im Dunklen, voll unter Druck. Was soll ich sagen. Sie schmeckte scheußlich, ich habe langsam geraucht, und nur zwei Mal ganz zaghaft einen Lungenzug gewagt, so als wäre ich sofort wieder drauf, kaum würde ich einmal tief einatmen.
Positiv: Die Fokussierung auf den Moment, was glaube ich auch der Drang und die Motivation war. Momentan ist um mich herum alles so laut, ich hör mich selbst kaum, da können fünf konzentrierte Minuten ein Königreich sein. Das war gut. Ich habe in den Nachthimmel gestarrt und mich über all die Satelliten gewundert, die mittlerweile ihre Bahnen ziehen. Zwischendrin Flugzeuge, Überland.
Negativ: Der Wein in meiner Hand war auf der Stelle geschmacklich tot. Kann man nicht schön reden, da blieb nichts mehr, was Minuten vorab noch da war. Die Luft stank, ich stank meine Hände stanken, und überhaupt waren alle umliegenden Gerüchte und Nachtdüfte sofort weg oder tot.
Auch jetzt, eine Stunde später und nach Hände waschen - meine Hände stinken immer noch nach Zigarette.

Das passierte eben, zwischen 21:30 und 22:15.
Ich dachte, ihr solltet das wissen.

Ich höre jetzt noch einmal diesen Cro, und freue mich auf Hamburg nächste Woche. Das Versprechen auf ein Meer am Ende des Flusses, das macht diese Stadt unter anderem so besonders.