Donnerstag, 17. Dezember 2009

#154

Und dann standen wir in eisiger Kälte mitten im Herzen von Düsseldorf. Um uns herum touristisches Weihnachtsgetümmel, und meine Mutter so "Lass uns zu Deinem Lieblinsgrestaurant hier gehen."
Singende Kellner, haarsträubende Geschichten erzählende Kellner, ein immer besorgt dreinschauender Chef und Feuerpfannen schwenkende Köche = meine 1. Adresse in der Düsseldorfer Innenstadt, wo man leicht kulinarische Großfehler begehen kann, kennt man sich nicht aus.

Nach zwei Glas Wein finde ich meine Mutter fast charmant, erkenne ein, zwei Wurzeln und kann mir sogar relativ gelassen und ohne Gegenwehr Geschichten von früher anhören, denen ich als Kind meiner Eltern natürlich beigewohnt habe, was meine Mutter aber gern außen vor lässt.
Ich sag dann, Mutter, ich war sechs und habe mit euch zusammen gewohnt, und meine Mutter dann immer, Kind, Du warst doch noch so klein, kannst Du Dich da etwa dran erinnern, und ich dann, natürlich, ich war in der Schule, und die Sachen soll man ja auch behalten, und so weiter.

Jedenfalls ging es darum, dass wir (also unsere kleine Familie) ja immer sehr harmonische Weihnachten hatten, herrlich mit Schnee und alles schön, und ich dann so Blutgrätsche, verbal, aber Mutter ('warum hast Du so lange Zähne?'), Heiligabend war immer der Garant für DEN Familienkrach des Jahres, erinnerst Du Dich nicht mehr daran? Und meine Mutter tatsächlich völlig arglos, alles verdrängt, und da muss ich mich nicht wundern, dass sie tatsächlich nicht versteht, was zwischen meiner Kindheit und unserem Verhältnis jetzt, aber nun gut - der Kellner schenkt nach, und wir prosten dem eng an uns sitzendem Pärchen zu, die den ersten Gang Pasta mit geschlossenen Augen genießen, und ich gerate mit dem Herren über seinen dunklen Wein ins faseln, und plötzlich, es ist erst eine halbe Stunde und ein paar Biscotti später, da hängt meine Mutter in Höchstform und völlig charmant dem Mann am Arm und ich unterhalte mich mit seiner Frau und sage, was treibt sie ins Düsseldorf?
Da erzählt sie, dass sie geteilt leben würden, ein halbes Jahr in Südtirol, die andere Hälfte in Düsseldorf, und ich 'warum denn das?' und sie, das wäre nur ihr verstorbener Mann Schuld, eigentlich.
Der sei vor acht Jahren gegangen, also komplett, und sie beide wären zu Lebzeiten immer in Südtirol zum wandern gewesen, und er wäre so gern in diesem einen Tal beerdigt, und sie also mit seiner Asche und plötzlich ratlos, weil wohin nun mit dem kostbaren Gut? Da hätte sie ihn getroffen, ein Ortskenner, ein Senn, der mit Äpfeln und allerlei handelt. Und er hätte mit ihr und der Asche dann den perfekten Platz für ihren verstorbenen Mann gefunden, und dann, nun ja, das Leben sei halt so, dann hätten beide das Herzklopfen gemerkt, und seitdem sind acht Jahre vergangen und sie glücklich hoch zehn.
Ich hing derweil hin und weg an meinem schweren Rotwein, meine Mutter an dem Senn, und uns allen war warm und zufrieden. Selbst der Kellner setzte zu neuem Gesang an, und ich konnte ihn nur mit strengen Blicken wieder ruhig stellen.

Am Ende scheint alles eine Laune des Schicksals und eine Sache mit Wein zu sein, wie sich die Menschheit amüsiert und versteht. Wir verlassen zu viert die Szenerie, wünschen uns ein schönes Leben und die nächsten Gäste setzen sich an die engen Tische, und wer weiß, welche Geschichten diese gerade jetzt vertauschen.


Dienstag, 9. Juni 2009

#74

Montags befinde ich mich immer für eine knappe Stunde in einer Anderswelt.
So. Jetzt ist es raus, jetzt kann ich Chronologie walten lassen und die Sache mit den Aliens erzählen.

Jeden Montag fahre ich zu einer Arbeit wohin, und dann am Ende wieder zurück. Soweit.
Hin ist total okay, es ist immer der Raupenbus, der nie pünktlich, dafür ich immer abgehetzt, falle mit Ticket fast dem Fahrer auf den Schoß, und der guckt nie, aber man soll ja das Ticket zeigen, also wird die Nummer komplett durchgezogen.
Hin also gut, immer ein wenig dösen, mental auf die Arbeit vorbereiten, die dann Achterbahnmäßig an den Nerven dengelt, aber dafür tüchtig Karmapunkte bringt, die kann man kaum zählen.
Schon währenddessen aber das dran denken, was gleich kommt. Die Rückfahrt, unumgänglich wie (Vergleich fehlt, dieses Amen in der Kirche zu abgegriffen, vielleicht fällt dem Leser ja was ein), und dann stehe ich schon an der Haltestelle, und das Spiel geht los.

Zuerst kommt der Bus nicht. Nie. Ich frage mich, warum es Pläne mit Abfahrtzeiten gibt die Aushängen, das kann doch keiner mehr glauben, der jemals mit dieser Linie musste.
Es sammeln sich Leute, und das ist schon Panoptikum.
Hier nichts falsch verstehen, keine Lästerei, keine Befindlichkeit, sondern reine Beobachtungsarbeit.
Leute, die einfach nur komisch sind, kein Thema.
Leute die komisch sind, und das volle Kanone an allen ausleben: Thema!
Ich stehe da also immer ewigst lang an der einzigen Haltestelle in weitem Felde, mitten im Rudel aus Menschen mit seltsamen Ausfallerscheinungen, Langzeitalkoholikern mit Indianerschmuck und Schichtarbeitern der Metallfabrik von um die Ecke. Alle außer mir schon Bier aus der Flasche und trübe Augen. Dazu immer Hitze. Egal wie es sonst so im Düsseldorf ist, an dieser Haltestelle immer Sommer und schwül.
Irgendwann kommt der Bus. Ich gehe Richtung Fahrertürplatz und werde direkt von einer Horde Frauen mit gezogenen Schwerbehindertenausweisen gemobbt und aus dem Einstiegsbereich gedrängt. Komme ich wieder ans Licht, ist der volle Bus noch voller, und ich quetsche mich wo zwischen. Dann geht das Theater los. Bei jeder Bremsung kippen Bierflaschen, Hackenporsches und Menschen mit Schlagseite. Das Bier und die beim Halt suchenden Achseln riechen am schlimmsten. Die Luft im Bus cirka 42° Innentemperatur (im Schatten) und eine Luftfeuchtigkeit von saftigen 78%. Der Mann neben mir im Achselshirt mit Wolfskopf drauf und nassem Chinchilla unter den Armen. Unterhält sich mit seiner Flasche Früh-Kölsch, und da diese ihm nicht antwortet, erzählt er mir, dass er sich gleich mit seinem gesetzlichen Betreuer trifft, der Kuchen gekauft hätte.
Ich, halb betäubt, nicke kraftlos und drücke mich beim nächsten Bremsruck weg in Richtung freiem Sitzplatz. Drück, press, Platz. Immerhin, der Kreislauf jubelt.
Um mich herum werden die Konturen klar und ich sehe Hautausschläge. Alle! Haben! Ausschlag!
Nur ich nicht, aber das kann sich sicher flott ändern lassen.
Die Frau mir gegenüber guckt mich feindselig an. Ich würde indessen gerne aus meiner Windbreakerjacke raus, da die meine Kerntemperatur fachmännisch auf 100° C treiben will, aber ich kann mich nicht bewegen, weil eben alles voll.
Kernschmelze, ich wünsche mir einen saugkräftigen Chinchilla unter die Arme. Die Feindselige springt plötzlich auf, es macht ein schnalzendes Geräusch irgendwo unter ihr, und dann haut sie auf die Scheibe ein. Kurze Unterbrechung wegen Haltestelle, der nächste Schub Aliens kommt rein, optisch 1a passend zum Rest der Mannschaft. Bierflaschen, Hautausschläge und Phantasiesprache, und ich denke, das kann doch alles nicht sein. Nicht so geballt.
Der Bus fährt an, die Feindselige bekommt Schwung, und noch während sie auf irgendwas auf der Scheibe einschlägt, fällt sie auf mich drauf, so dass ich in meinem Windbreaker noch einen menschlichen Eierwärmer aufgesetzt bekomme.
Irgendwo zwischen gut 15 Kilo Brust versucht mein Hirn einen Rettungsversuch, ich strampel, drücke und plötzlich wieder Licht. Sie hält mir eine hellrote Handfläche vor die Augen und kreischt ' TOOOOOT! TOOOOOT!' und ich sehe den platt gequetschten Körper einer Mücke.
Falsche Adresse Puppe, denke ich noch, und blaffe sie an, das auf meiner Seite mal gar nicht tot gehauen würde, sie solle sich mal schön in ihre Sitzschale, sonst Kirmes hier.
Hätte auch in die Hose gehen können, schließlich war ich in der Minderheit, aber sie zog es vor eine Schüppe zu ziehen und mich zu ignorieren.
Doch zwischen uns am Fenster lag das Korpus Mücki, und ich bekam mächtig miese Laune zur miesen Luft.
Mücke hin, Stechrüssel her, ein Leben ist ein Leben, und vielleicht hat die Feindselige ja einen Mückenmann erlegt, und der piekst ja gar nicht.
Mittlerweile knapp 30 Minuten Fahrt, die zwei Viertel mit den Aliens sind vorbei, wir nähern uns den Schulen.
Tür auf, Bierflaschen kippen, herein kommt ein Lindwurm lauter, gestylter Typen in eng mit Limoflaschen und Chinasuppentüten. Bus fährt an, alle Mobiltelefone werden aus den Taschen gepuhlt, die Chinasuppennudelblöcke ungekocht mit der Glutamat-Knoblauchstaubtüte übergossen, und dann knuspernd alle Pornovideos auf Smartphones.
Ich fasse zusammen: Montag, ich, Windbreakerjacke bei 42° Bustemperatur, um mich herum Menschen mit untypischen Sockenschuß, Bierflasche und Hautkrankheit, dazu Schüler mit großen Mobiltelefonen, die rohe Nudeln aus Asien essen und Pornos gucken.
Der Busfahrer, denke ich, der und ich, wir sind glaube ich die einzigen, die -
Haltestelle, ein Typ steigt ein, sieht den Busfahrer und johlt stark alkoholisiert los, dass das ja gar nicht wahr sein könne ... er hätte jetzt einen Job? Also ER? Lautes Lachen, der Typ macht es sich locker vorn beim Fahrer gemütlich, beide machen sich über dieses Konzept Arbeit lustig, und kaum abgelenkt, vergisst der Fahrer an einer Haltestelle, die Türen hinten zu öffnen, und fährt einfach so los.
Im Bus Riesen Welle! Schwerbehindertenausweise werden in die Luft gezückt, Flüche und Bierflaschen folgen, einer ruft "Dummarsch" und da sind wir schon an der nächsten Haltestelle. Ich zähle Rückwärts, noch vier, noch drei, noch zwei, ich trete der Feindseligen beim aufstehen und rausdrücken halb extra auf die Füsse, quetsch quetsch, räche den Mückenmann an ihren Zehen, und dann bin ich raus.

Ich sehe dem Bus zu, wie er in der Ferne kleiner wird, sehe an mir herunter, habe einen Buchstaben geschwitzt, und dann fällt mir diese Sendung ein, Twilight Zone hieß die, und genau so fühlt sich diese Stunde am Montag an, also die im Bus.


Donnerstag, 29. November 2007

gestern.

Sie trafen einander in einer langen Gasse, vor einer Bäckerstür.
Endlich einer, der aussieht wie ich, sie.
Endlich eine aus Fleisch und Blut, er.
Hach, beide.
Sie drehten sich im Kreise, rannten ein Stück, so weit sie kamen,
geiferten fast und dachten Hach, alle beide. In der Luft der Geruch von Brot und Glühwein, Mandarinen und Wurst. Die Sonne schien für eine volle Minute und gerade als sie sich gegenseitig wollten, sagte eine Stimme von oben
‚Komm, Nemo.’
Und Püppi sah ihm hinterher, als auch ihre Leine stramm wurde.

Zwei Möpse trafen einander vor einer Bäckerstür.
In dieser kurzen Zeit lag eine Spur von Liebe gut in der Luft.


Mittwoch, 27. Juni 2007

orte.

Ich wurde an einem Sonntag gezeugt, in einem Altbau Gustav-Poensgen-Strasse, Ecke Bunsen, in der dritten Etage, ab der Mitte linke Tür. Das Schlafzimmer ging zu den Rangiergleisen hinaus, und der Akt an sich fand nach dem Mittagessen statt. Es gab Schweinebraten, Kartoffelklöße von Pfanni und Gurkensalat. Meine Mutter betont, dass sie und mein Herr Papa es den ganzen vorangegangenen Urlaub von 16 Tagen in Stade an der Elbe versucht hätten, aber irgendwas schien nicht geklappt zu haben, die Details liegen im Dunkeln.
Meine Mutter betont ebenfalls und mit einem anzüglichen Lächeln, welches sie nur für diese Geschichte zu besitzen scheint, dass sie, also sie und mein Herr Papa, völlig doll gewesen wären, und das ich genau an diesem Sonntag, nach Braten und Mittagsschlaf, gezeugt wurde, mit viel Dollheit.
Mich wundert nicht wirklich, wie mein Ich beschaffen ist, und dass es jeden Sonntag Braten, Klöße und Gurkensalat gab, bis mein Herr Papa das Dollsein nicht mehr ausüben konnte, und nun vielleicht an anderen Orten Gurkensalat bekommt, wer weiß.
Meine Mutter erzählte diese Geschichte jedem, der ansatzweise eine Brücke zu diesem Thema anschnitt, was mir früher eher peinlich war. Heute finde ich es nett, dass eine der sexuellen Glanzstunden im Leben meiner Mutter genau die war, wo bei mir der göttliche Funken zündete.

All das hatte ich lange vergessen, bis ich neulich aus Köln kam, und den ersten nächtlichen Heimweg zu Fuß angetreten habe. Plötzlich stand ich vor diesem Haus, abgewirtschaftet, dreckige Fassade, die Eckkneipe, die irgendwas mit Bunsen hieß, damals, geschlossen und zugemauert.
Ich stand da und fragte mich, wie viele Leute eigentlich wissen, wo sie gezeugt wurden. Ich finde dieses Wissen genau so wichtig, wenn nicht sogar noch etwas wichtiger, als der Moment, wo wir per Schwerkraft, Druck, Drogen, zupackende Hebammenhände oder Glocken aus einem Unterleib gezerrt werden und vor lauter Entsetzen erst einmal verstummen. Wüssten wir, dass es noch schlimmeres geben wird in einem ganzen Leben als einen Klaps auf den Hintern und kalte Hebammenhände, wir würden aus dem Brüllen sicher nicht mehr herauskommen.

Ich stand ein paar Minuten, es war ganz still, und versuchte mich zu sehen, wie ich mit meinen blonden Locken durch diese Haustür rannte. Wie habe ich dieses schwere Ding überhaupt halten können, und wie kam ich an die Klingelknöpfe? Und die Nachbarn? Kam mir ein Name bekannt vor? Bilder im Kopf, ich beim Rad fahren, ich mit Gehirnerschütterung kurz darauf, 'Das Temperament' sagte der Arzt, 'wird ihre Tochter noch zu einigen Erschütterungen verhelfen.'
Unsere Couch war grau und für drei, und mein Herr Papa lag immer im Querformat und schlief den Mittagsschlaf eines Bäckermeisters. Bilder, wie wir aus dem Viertel wegzogen, kurz bevor ich in die Schule kam. Das Viertel war zu Bahnhofsnah, die Gegend nicht gut für ein Mädchen, meine Eltern zogen mit mir näher an den Stadtrand. Der erste Morgen in der neuen Wohnung war ein sehr heller Morgen in einer sehr hellen Küche, keine hohen Altbaudecken, keine dunklen Räume, sondern Sonne und der Eiermann, der mit lautem Hahnenschrei vom Band auf sich Aufmerksam machte. Alles anders, und an die Klingelknöpfe kam ich wieder nicht, dafür wußte kurz darauf die gesamte Nachbarschaft das ich die 6-jährige war, die es stimmgewaltig schaffte, ihre Mutter im Dachgeschoss ans Fenster zu rufen, damit sie die Haustür aufdrückte.

Diese alte Wohnung ist schon lange frei, ich habe sie vor Monaten in der Immobilienplattform im Internet gesehen. Die Zeugungswohnung ist bewohnt, und ich zurück im alten Viertel in einer Wohnung mit hohen Decken. Die Gegend ist noch immer nicht gut für kleine Mädchen, und auch die großen könnten Mühe haben.
Ein halber Tag neulich. Beim Kaffee kochen konnte man einige Nachbarn missmutig um ihre Autos laufen sehen, die Polizei notierte Namen und schien sich über den Regen zu ärgern. Nachts wurden wieder eine Reihe Autos aufgebrochen, ohne große Beute, wie meist. Ich gehe einkaufen, die Polizei ist längst weg und die meisten Scherben der Seitenscheiben auch. Ich treffe auf die Bio-Berberin, wie ich sie nenne, weil sie ihren gesamten Haushalt in Taschen von Öko-Marken mit sich schleppt. 'Haste n Tempo?' fragt sie, und sieht sehr alt und sehr verschnupft aus. Ich gebe ihr meine ganze Packung und ein 2Eurostück für einen heißen Kaffee, und laufe in Gedanken versunken in einen Mann hinein, der mich mit einem 'Gerade jetzt ey!' anzischt. Als ich mich das dritte Mal irritiert umdrehe, kapiere ich, dass ich ihn beim Äpfelklauen im Supermarkt umgerannt und somit gestört hatte. Der Mann war um die 60 und sah eigentlich nicht nach klauen aus, aber wie er so mit seiner vollen Einkaufstasche davonging, wo nun auch noch zwei Packungen dazugekommen sind, da musste ich auch an den Securitymann denken, der abends in dem Supermarkt am Eingang steht, und immer sehr höflich und hilfsbereit ist.
Beim Türken dann ein Gespräch zwischen zwei Frauen.
'Ecke nix gut, zu viel Sindel und Diebe' meinte die eine, und die andere dann 'Ja, und Melone hier auch immer teuer, viel mehr teuer als bei uns.' wobei ich jetzt nicht wusste, wie der Ort uns gemeint war, was für die gesamte Geschichte vielleicht ganz gut gewesen wäre, aber nun gut. Ich kaufte Melone, ich kaufte Käse, ich ging zurück und sah die Bio-Berberin in einen großen Apfel beißen, und zwischen zwei kräftigen Happen maulte sie eine Frau mit Hund an, die diesen über den Gehweg schleifte. 'Der ist zu alt, der will nicht in den Krach hier' meinte sie, und ich fand meine 2 Euro und die Taschentücher genau richtig angelegt, weil sie hatte Recht, Hund alt, Gegend laut, Tussi doof.

Könnte ich mir Orte ausmalen, würde ich den Zeugungsort so lassen, das mit dem Gurkensalat auch, und die Zukunft liegt an einem Ort, den man auf keiner Internetplattform findet, wo Opas keine Äpfel klauen müssen, sondern sich einen vom Baum pflücken, wo alte Hunde in der Sonne liegen und nicht über Gehwege gezerrt werden. Mein Ort hat keinen durchgehenden Sonnenschein, sondern auch besondere Regentage, und der Fisch auf meinem Teller hatte ein Leben und eine ernstzunehmende Chance.


Montag, 11. Juni 2007

neue wege, alte gesichter.

Auf dem Weg nach Hause, da traf ich plötzlich im oberen Drittel meiner neuen Strasse Bukowski.
'Charles!', sagte ich zu Charles, und er sagte 'Pfhh' und 'So ein Scheissdreck, der von da oben runter kommt. So ein Scheissdreck.'
Dann der Donner und dann mein Hauseingang.
Bukowski bog leise fluchend Richtung Gewitter ab, immer links runter.


Montag, 2. April 2007

Veronika, der Lenz und was italienische Eisverkäufer damit zu tun haben.

Der Mai ist der einzige Monat im Jahr, wo Mensch mit Hilfe von Starkbier wild und ungebremst hineintanzt, und in dem sich gleichzeitig 68% der suizidausführenden bei schönstem Wetter von Brücken stürzen. Meist ist tatsächlich keine Wolke am Himmel, und das letzte, was der stürzende Mensch sieht, ist ein Eiswagen mit den italienischen Nationalfarben auf dem Wagendach.

Frühling. Man kann ihn trapsen hören wie die oft zitierte Nachtigall. Kurz vor dem Ausbruch steht die Natur mächtig unter Strom, die Pflanzen laufen schier über vor üppig steigenden Säften, und nur eine Stunde pralle Mittagssonne richtet eine wahre Orgie der rundum berstenden Knospen an.
Vermehrt sieht man nun auch wieder leer dreinschauende Kleinnager und niedliche Vögel mit gebrochenen Blick auf den Strassen liegen, deren Eingeweide in den Winterprofilen eines Ford Mondeo durch die Stadt gefahren werden, bis sich eine Elster als Endverbraucher darüber freut.
Der natürliche Zyklus einer Großstadt, im Mai ist Schlachtfest bei den Tieren, im Juli Grillsaison im Hinterhof.

Es ist ja jetzt auch wieder länger hell.
Früh morgens Punkt fünf Uhr jubilieren die städtischen Federtiere los, also zumindest all die, welche nicht im Liebesrausch von einem Automobil erfasst wurden, und verbreiten mehrstimmig Frohsinn. Spätestens gegen halb sechs ist es dann gleißend hell, und in Kombination mit dem Konzert kann man eigentlich auch direkt aufstehen, schließlich fängt der frühe Vogel den Wurm. Mensch merke, wenn man noch vor sechs mit dem ersten Kaffee in der gleißenden Maisonne vor den Toren der Natur steht, dann sieht man auch, wo der Ursprung einer solchen Weisheit liegen kann. Die noch im Dunst aus der Erde gezerrten Würmer würden ihr eigenes, lautes Lied davon singen, hätten sie einen Mund, einen Schnabel oder ein Mikrophon von Gott geschenkt bekommen. Ich kann mir denken, warum Würmer keine Kirchen bauen. Ich würde es auch nicht tun.

Tagsüber schleppt man sich und seine bleierne Müdigkeit durch die Stadt. Alles wiegt vier Mal über Normalgewicht, der Rest dauert gefühlt drei Mal länger als sonst, und nur die drastisch verkürzte Schlafenszeit zur Sommerzeit fühlt sich im direkten Vergleich zum Rest an wie noch einmal halbiert. Kaffee ist nun der wahre Freund, das Dopamin der Frühjahrsmüden.
Aber selbst wenn man schon eisig- klamme Achselhöhlen im Shirt fühlt und die Hände zittrig über die Tastatur klappern: der Kopf bleibt im Ausnahmezustand, man lebt und denkt in einer Taucherglocke, die Welt ist Atlantis und alle Mitmenschen sind böse, laute Aliens.

Hat man dann mit Ach und Krach den Abend erreicht, ist es Dank tatsächlich immer noch hell und man selbst nicht wirklich Gesellschaftsfähig, möchte man die Nachrichten in der geliebten Couchdelle in der waagerechten sehen, und mit Alkohol den Koffeingau des Tages relativieren. Nein, man muss aktiv sein, man muss raus an die Luft, und das mit einem sehr glücklichen und nur angedeuteten Lächeln um die Mundwinkel, und so findet man sich nach einem gefühlten Bleientenlauf um den See mit anderen Bleienten in irgendeinem überfüllten Biergarten wieder, und hält genau das in der Hand, ein Bier. Und denkt, dass das jetzt aber man perlt.
Die Sonne scheint immer noch, dabei ist es fast neun. Erneut überdenkt man seine Theorie, das ALLE Mitmenschen böse, laute Aliens sind, die einem gleich die Eingeweide unbemerkt herausoperieren und dann zurück unter Wasser nach Atlantis fahren, auf ihre Aliencouch, im Gepäck die eingetupperten Organe, meine immerhin mit Bier gewässert.

Wär ja eigentlich schön, wäre alles unter Wasser, zumindest für die Sorte der totalen Spassverweigerer, die Allergiker.

Die richtig Scharfen fangen schon im Februar an zu stöhnen, wo die Nicht-Allergiker noch mitten in der Winterdepression im eigenen Saft liegen. Sie niesen, sie kündigen triefenden Blickes den nahenden Frühling an, sie niesen erneut und sagen ‚Haselnuss!’
Der Rest zieht dann gesammelt im April nach, wenn die Birken sich ans Leben und die Liebe erinnern und einfach so anfangen zu blühen.
Ich persönlich war ja zu Jugendzeiten einmal mit einem Allergiker zusammen, und empfand das als so unglaublich anstrengend, dass ich ab Hajo erst einmal alle Männer auf Pollen und Tierhaare prüfte.
Abgesehen von seiner schlimmen Kontaktallergie war Hajo, der eigentlich Hannes-Jochen hieß, auf jede Pflanze allergisch, die auch nur annähernd sexuell aktiv war und eine Blüte produzierte. Seine Mutter schüttelte immer resigniert den Kopf, wenn Hajo pfundweise eingeschneuzte Papiertaschentücher aus seiner Schultasche ans Tageslicht beförderte. Sie sagte dann, das sie selbst ihre geliebte Kaktee, die Königin der Nacht, eines denkwürdigen Datums an ihre Kollegin abgeben musste, da diese Königin dann nach vier Jahren Vollpflege plötzlich und unerhört blühte.
Eine ganze Nacht, wie der Name schon verspricht.
Hajo bekam einen Asthmaanfall, seinen ersten und ebenfalls die ganze Nacht, und der gerufene Notarzt musste sich bei der Cortisonspritze das Lachen verkneifen, bei so viel Ähnlichkeit zwischen Hajo und der Königin.

Ich bin keine Allergikerin, bekomme ausreichend Luft und rieche auch sehr gut, was mich zum nächsten Punkt auf der Frühlingsliste bringt: Hundekot.
Täglich umgehe ich eine kleine Wiese, die an sich sehr harmlos wirkt. Drum herum ein paar Kastanien, Altpapierkontainer, eine beim Sperrmüll vergessene Lampe und die obligatorische Oma mit hüftsteifem Dackel, die serienmäßig bei jeder öffentlichen Stadtwiese dabei ist. Osterglocken wackeln im der leichten Brise.
Unter der Frühlingssonne erwärmt die Wiese sich, und so kommt die wahre Seele dieser kleinen, innerstädtischen Naturzunge heraus: sie fängt in sich an zu kochen und zu stinken. Jeder unter Not und Zeitdruck abgelegte Hundehaufen entwickelt eine eigene Geruchsglocke, und selbst die Hunde halten sichtbar die Luft an, wenn sie von ihrem Menschen auf die Wiese gezwungen werden um, laut Dackel-Oma, ‚Schieta zu machen’.

Das Besondere an dieser Wiese ist, dass man die nächste Spezies Mensch dort eigentlich nie antrifft, die frisch Verliebten. Laut Statistik finden 62% der Paare am häufigsten im Wonnemonat Mai zueinander, des Zaubers Formel heißt Hormonkoller und getrennt wird sich zu 56% vier Jahre später im Februar, also etwas nach Weihnachten und knapp vor Ostern. Der Singlemensch hat dann den ganzen März und April inklusive der ersten warmen Tage Zeit, eine knackige reaktive Depression zu entwickeln und zu fasten, sich dann Hals über Kopf zwischen der Osterauslage im Tengelmann zu verlieben um im Mai zu zweit an dem jeweiligen Stadtfluss der Stadt entlangzuschweben. Man erkennt diese frischen Paare ganz einfach: Sie sind frisch erschlankt dank Trauerdiät und Singleschock, laufen nicht mehr als Individuum sondern nur im Tandem mit dem Neuen Partnermensch und verkeilen sich alle fünf Minuten neu ineinander. Kommen sie dann an einem kleinen VW-Bus vorbei, auf dem in jeder Stadt „Giacomo“, „Salvatore“ oder „Giovanni“ steht, schauen sie sich sehr warm an, und der Mann kauft ein Eis.
EIN Eis.
Im Hörnchen.
Frisch ineinander verknotet wird dann zweisam an der Straciatella-Kugel gezüngelt und jeder Satz gekichert ausgehaucht.
Würden sie den Blick ein einziges Mal von ihrer Waffel nach oben wenden, dann bemerkten sie, dass sie beobachtet wurden, die ganze Zeit. Dann würden sie auch sehen, wie gerade wieder einer der 68 Prozent sehr entnervt und entschlossen das Sprungbein über das hüfthohe Brückengeländer brasselt und ein letztes mal tief Luft holt, sich die Nase zuhält und - springt.

Am Ende sind wahrscheinlich die italienischen Eisverkäufer in ihren umgebauten VW-Bussen Schuld, dass an schönen Tagen ohne eine Wolke am Himmel die Statistik Jahr um Jahr erhalten bleibt.


Mittwoch, 21. Februar 2007

full flavour, oder 'wie ich neulich die ziege liebte.'

Da sitze ich Abends am Küchentisch und frohlocke und freue mich wie ein Bolle, weil jahrelange wirklich harte Arbeit am Gaumen endlich von Erfolg gekrönt wurde:
Ich. kann. Ziegenkäse essen!

Was habe ich mich gewunden und bemüht. Was habe ich, in den tiefsten Tiefen Frankreichs in den puristischsten Küchen von alten Mönchen gesessen, bewaffnet mit herrlich duftendem Baguette, frisch aus dem Ofen, Angesicht zu Angesicht mit Ziege und Ziegenendprodukt.
Wie habe ich Gänsehäute nach oben schnellen lassen, nach dem ersten Bissen, mit intern fest geschlossener Nase. Ich wollte verzückt sein, ich wollte auch eine von denen sein, die beim Anblick einer strammen Ziege einspeicheln, ich wollte zu den Gourmets der Chèvre gehören, ein Freund des harten Geschmacks, eine wo man denkt 'Oha, sie nimmt von der Ziege, was für ein Teufelsweib!'

Was ich wirklich war, und das über die Jahre hinweg, war ein erstaunter Gesichtsausdruck mit einem Körper unten dran, der schnell das Weite und die Mülltonne suchte, kaum war der erste Bissen Käse im Mund. War beides nicht greifbar, dann war ich die, die schnell zur nächsten Flasche griff und ordentlich über Minuten spülte, manchmal über den Rest des Abends verteilt. Egal wo ich stand und wo Käse feil geboten wurde, immer kam von meiner Seite ein trauriger Stoßseufzer Richtung der kleinen Flatschen, die der Ziegenkäse waren, und vom Ziegenkäse selber ein stummer Schrei. Diese ganzen Hübschen, in Asche gewälzt, unter Grotten gelabt, ich sah glückliche Ziegenweibsen mit prallen, rosigen Eutern, welche nur gern und nur gesund abgaben, alles für den Käse, den ich nie herunter bekam.
'Ach', sagte ich dann so sicher, wie das täglich eine Sonne aufgeht, 'Ach, würde ich euch nur mögen, mein Leben wäre abgerundet, wenn nicht sogar voll.'

Dann dieser fragwürdige Abend direkt zu Anfang des Jahres 2007. Stundenlanges wegfahren aus Frankreich wurde mit dem Ankommen in Deutschland belohnt, im Gepäck eine mitgegebene Käseplatte, übrig vom jahreswechsel, knisternd verpackt. Mit einer Flasche Wein und einem ebenfalls mitgebrachtem Baguette die einzige Nahrung im Hause, sah ich mich also Aug’ in Aug’ mit einer Rolle Ziegenkäse im Aschemantel.
Nach ein paar Stunden Autobahn und zwei Gläsern Rotwein steigt mein Mut wie Leichtsinn, und ich schnitt beherzt in die weiche Rolle, machte zwei Scheiben davon weg und schmierte sie mir naserümpfend auf mein Brot.
Der erste Biss war wie erwartet, ein Biss in einen Ziegenhintern
auf einer bildschönen Weidelandschaft kann nicht anders schmecken, aber dann, gerade als ich mit dem guten Roten nachspülen wollte, da passierte etwas, da schmeckte plötzlich etwas und ein Ruck ging durch das Universum, die Götter hielten die Luft an:

Ich mochte es!

'ICH MAG DAS!' schrie ich, sprang um den Tisch, beide Hände wie ein Schraubstock um das Baguette geschlossen, bereit, um meine Erfahrung zu kämpfen, sollte sie mir ein Schuft wegnehmen wollen.
'Ich mag das- unfassbar!'

Angestachelt, ja, fast übermütig griff ich nach allem, von dem ich jemals hörte, es würde zur Ziege passen. Honig, Senf, Honig-Senf, alles wuchtete ich auf den Küchentisch und häufte es in vollen Löffeln auf meine Stulle, in rasanter Entdeckungslust.
Honig und Ziege, Super! Senf auf Ziege, köstlich! Mein geliebter Honig-Senf auf Ziege: unbeschreiblich!
Ich ass alles und ohne Unterbrechung, immer in der Gewissheit, es könnte ein kosmischer Ausrutscher sein, ein Götterscherz, und am nächsten Tag war wieder alles beim alten, und ich die mit der Gänsehaut.

So war es dann auch, fast. Sah ich nun diese kleinen Käseleiber im Bio-Laden still nach mir rufend, dann konnte ich gelassen wie Appetitlos die Schultern zucken und sagen 'Euch hatte ich schon, es war mir ein Fest, aber nun gehe ich mit den milden Schafen nach Hause.'
Immer, bis auf letzte Woche. In einer eiskalten Käseabteilung in einer sehr großen Handelskette griff ein junger, hochattraktiver Mann in die Abteilung Ziege und ihr Käse und nahm zwei kleine Leibchen heraus, packte sie ein und nahm sie mit nach Hause. Etwas später lagen sie mir gegenüber, Zimmertemperatur, weich und stark duftend, und ich hatte Rotwein in der Hand und war auf Gänsehaut gebürstet.
'Hmmm, mal sehen, ob ich noch mal so einen Aussetzer habe.' Sprachs, schnitt ab und ass. Sie, also ich, hatte in der Tat, und er war ganz zu meinem Verblüffen einfach nur gut, viel besser als der Erste, köstlich und wild aromatisch. Ich und die Ziege, wir wurden eins, und auf uns drauf ein zarter Klecks Honig-Senf, welch Fest, wie Felliniesk!

Aber dann, ein Ach und ein Weh', Stunden später und ohne Vorwarnung passierte etwas, was mir die Ziege bis auf ewig nur noch als nettes Tier, vielleicht guten Kumpel, verleidet hat, und wovor mich nie jemand warnte, weder hinter einer Käsetheke, noch in einer französischen Käseküche mit Mönch innen drin.

Ich musste kurz bäuern (Anm. d. Blog-Red.: bäuern= aufstossen; Lu wollte nur das Wort ‚rülpsen’ vermeiden, weil es Lautstärke und primitives Gebärden vermittelt, was es nicht war. Bäuern ist diskret, leise, für eine Frau völlig i.O.) und da hatte ich das Dilemma:
Die Ziege war wieder da, es machte laut 'Määää!' aus meiner Seele Ösophagus-Zone und ich dachte, ich müsse auf der Stelle sterben, von mir aus nach Ziege müffelnd, aber in jedem Falle schlagartig umfallen und präzise wegsterbend, schnell, ohne Tonne, und mit genau dem selben Gesichtsausdruck wie damals, als ich noch keinen Ziegenkäse mochte.

Schalten sie auch nächste Woche wieder ein, wenn sie Dr. Bob sagen hören:

" Folge einem Esel und du kommst in ein Dorf.
Folge einer Ziege und du stürzt in den Abgrund."

(Italienisches Sprichwort)


Montag, 18. Dezember 2006

wünsche.

Ich komme zu nix, seufze ich meerestief in meinen Milchkaffee. Der Schaum stirbt sofort, und ich kippe herzlos den letzten Schluck Leben darunter quer über meine Zunge.
Noch nicht mal zu meiner Dezemberdepression, und die steht mir quasi zu.
Du wirst doch wenigstens mal eine halbe Stunde haben, oder? kommt die Frage ungebremst über den schweren Holztisch geschlingert, macht einen Salto über das Gebäck und fällt hart in meine nun leere Kaffeetasse.

Eine halbe Stunde hätt' ich schon, sogar mal eine ganze, aber was bringt das dann? Zu einer Dezemberdepression gehört mehr als nur eine Stunde stur die Küchendecke anzustarren. Man muss ausreichend Planungszeit einbauen, damit man nicht am Ende von brachial guter Laune eiskalt von Hinten erwischt wird. Auch muss der Kühlschrank einen Wandel erleben, raus mit grün und Bio, rein mit Pudding, Alkohol und Fertigmampf. Dann muss Zeit zum Verwahrlosen da sein, ein gut gepflegter Körper gibt nicht mal eben so rasch nach und geht in die Knie, das braucht ein, zwei Wochen, locker. Die Hüfte muss ein kleines bißchen aus der Form fallen, die Haare stumpf, der Blick zart rosa und auch die Haut sollte sich mehr so ins Wohnungsblass abwandeln. Und dann inFreizeitplünnen zum Supermarkt, am besten der, wo man einen kennt. Die sehen das sofort, fragen, ob man einen Pips hatte und es wäre ja auch mal schön, in gemütlich einkaufen zu gehen, das alles mit ernstem Blick auf die Sporthose.
Man könnte dann ein wenig unschlüssig zwischen dem Frischgemüse und den Milchprodukten herumstehene, die Verkäuferinnen zu lange sinnlos anstarren und dann langsam mit leerem Korb zur Kasse schleichen. Schleichen ist wichtig, nur nicht im Stechschritt wie sonst, busy und zeitlos. Ganz soft entschwebt man zur Kasse, schüttelt nur traurig den Kopf und läßt den Korb zu den anderen Körben hinunterfallen.
Klonk.
Dann ist man raus und geht entweder in die Spielhölle gegenüber, die mit der Jackpotanzeige im Fenster und läßt sich vom Dunkel zur Mittagszeit verschlucken, oder man sucht den nächsten Videotempel auf und lädt sich sämtliche Staffeln von Seinfeld und Rosanne auf, vielleicht noch was modernes. Chips und Bier gibt es dort auch an der Kasse, super, das wird die Sause des Jahres.

Die Sachen kann man gleich anbehalten, die sind ja jetzt erst richtig gut gelüftet, endlich mal.
Vetrauensvoll läßt man sich in seine persönliche Couchdelle sinken, fühlt sich umarmt und gehalten und heult schon bei der Titelmusik der ersten Staffel los. Dazwischen trostloses Masturbieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Selbst das klappt nicht mehr. Irgendwann schläft man zu Questico ein.

Jessus, Du hast ja Nerven.
Ich? Nein, ich sag doch nur, das man noch nicht mal mehr Zeit für eine angemessene Dezemberdepression hat. Ich muss jetzt auch los, diese Scheiss Kekse backen sich leider nicht von allein.

Machs gut, und schöne Weihnachten.

Ja, Dir auch. Frohes Fest, frohes Fest.


Donnerstag, 7. Dezember 2006

ruht ihr auch sanft?

Es ist schwarz, dunkel schwarz und das überall. Ich stehe alleine, rieche Tannenharz und sterbendes Grün, höre Schritte von kleinen, flinken Füssen und in einiger Ferne die Autos fahren. Nirgendwo ein Licht, keine Kerze, kein Schlaf und auch kein Leben, alles um mich herum ist für sich allein still.
Nur das trapsen und tippeln, unsichtbar, in allen Ecken und Nieschen.

Ob sie sie fressen? überlege ich in meine Stille, und setze langsam den ersten Schritt. Buddeln sie Löcher dort, wo andere die ewige Ruhe erwarten, genau die, die alles Geld und die restliche Liebe in teure Kränze steckten, Tage oder Wochen zuvor? Kränze mit Pflanzen, die wegen der Toten ebenfalls tot sind, ohne Wasser, ohne Licht. Mit den Toten mitgehangen, mitgefangen, die letzte Schleife sagt
„In ewiger Liebe, Deine Tilla mit Hund“.

Ob sie sie annagen? Abfuttern? Oder sind nur die Beigaben von Wert? Beissen sie das Totenhemd zurecht und schlagen damit ihr Winternest aus?
Mäusetapeten, Totenhemden, nie wieder frieren Dank Hans Grauschild, die Sippe flirrt mit den Barthaaren, die seine gießt die Erika und macht wöchentlich Kerzen an.

Früher machte es mir nichts. Ich fuhr über die Brücke, die genau über einen normalen Teil und den der Kinderurnen führt. Der Teil mit den Kinderurnen ist der gefürchtete Teil des Friedhofs, da reden alle nur noch leise und am Ende dann gar nicht mehr. Man kommt nicht drum herum, diese kleinen
Flächen, die die Kleinen nur brauchen, und auf diesen kleinen Flächen liegen Bärchen, Teddys und kleine Matchboxautos, manchmal ein Photo. Dinge, die vorher in kleinen Kinderhänden lieb gewonnen wurden, die Nachts mit unter Decken verschwanden und die alle eins gemein hatten, einen Job. Sie hielten die Bösen ab, die unter den Betten, die im Schrank, die aus der Familie und die, die mit dem Gewitter kamen. Sie waren weiche Inseln im wilden Meer, abgeliebt und fest gehalten.
Alle Bösen hielten sie ab, nur den einen nicht. Jetzt ist ihr Schicksal gleichfalls besiegelt, sie liegen auf feuchter, dunkler Erde und starren gegen eine riesige Kastanie. Unter ihrem Markenzeichen wohnt eine Asselfamilie.

Früher fand ich die Stille schön, heute ertrage ich sie. Im Winter glimmen vereinzelt die Kerzen der Drogeriemärkte. Schlecker brennt neben dm, das Tengelmann-Angebot 5 für 3, gerade in der Weihnachtszeit wird viel an die Toten gedacht, da zündet man aus lauter Trauer über den immer noch leeren Platz am Tisch gleich täglich eine an, man kann ja sonst nichts tun. Und wenn man dann geht, dann dämmert es schon wieder. Im Winter dämmert es ganztags, man schaut mehr wie sonst nach oben, zum Horizont, ob sie schon weg ist, oder überhaupt da war, die Sonne, Lebensspenderin, Heizstrahler der Seelen.
Man zieht die Jacke enger um sich herum, liest ein paar Grabsteine und geht Meter für Meter schneller weg von diesem licht-und leblosen Ort. Die Gänsehaut und die Angst im Magen, die nimmt man mit nach Hause, die sitzt auf dem leeren Platz ganz gut.

Adventszeit. Totensonntage. Weihnachten. Warm schlafende Nager.
Ich bin mir da sicher.


Mittwoch, 19. April 2006

Meine Domina heißt Beverly.

(aus aktuellem Anlass und für all die, welche nicht bei der Kieler Lesung waren.)

Manchmal wacht man morgens auf, und noch bevor man auch nur einen prüfenden Blick in den Spiegel werfen konnte, weiß man eines ganz genau: Ab heute geht’s nicht mehr, ich muss zum Friseur, und zwar jetzt.

Ich selber bin da keine Ausnahme, und in ziemlich klaren Abständen, meist Montags oder Freitags, stehe ich totmüde und mit einem halben Liter Kaffee im Pappbecher bewaffnet vor den heiligen und vor allem sehr geschlossenen Toren meines kleinen Friseursalons.
Die „Behandlung“ fängt damit an, dass man keinen Termin bekommt. Möchte man dennoch vermeiden, den kompletten Tag dort zu verbringen, muss man halt genau so früh vor Ort sein wie die Hairstylisten auch, und der Spruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ wird hier liebevoll umgesetzt.

Irgendwann, meist so zehn Minuten nach Ladenöffnungszeit, wird die rosa Tür aufgerissen und man selber von einem grell geschminkten und ansonsten recht mürrisch schauenden Stylisten mit einem „Na gut“ reingelassen. Dafür nimmt er auch nicht die Kippe aus dem Mundwinkel, man schläft ja noch und das kann und soll ruhig jeder wissen.

Ab da hat man noch mal so ein, zwei Zigarrettenlängen der Stylisten Zeit, bis sie völlig erwacht und erblüht sind, und in manch schwacher Sekunde fragt man sich dann selber sehr leise, wofür das alles und warum.
Das hört schlagartig auf, wenn der erste der Mannschaft aus dem Kabuff in den Laden rennt und auf direktem Wege die Anlage ansteuert um diese so weit hochzujubeln, dass die Stylingprodukte Wellen schlagen.
Kennt ihr die Miss Kitten Remixe, die nach Jahreszeiten eingeteilt und abgemischt sind? Ich jetzt schon, und einen Unterschied zwischen Frühling 04 und Winter 05 habe ich noch nie raushören können, dachte aber anfangs, es wäre so was wie der weibliche Scooter der Friseurinnung.

Als ich das letzte mal dort sass, alteingesessen, schmerzfrei und an der dort ausliegenden Playstation 2 daddelnd, sitzt neben mir eine völlig eingeschüchterte mittzwanzigerin im Mia-Look. Sie räuspert sich ein paar Mal bis sie mich anspricht und fragt dann „äh …ist das normal, dass hier keiner kommt?“
„Jau“ sag ich wortgewaltig, nicke ihr mütterlich zu und versenke meinen Sportwagen in den Leitplanken. Toll.
„Ich fands damals auch komisch“, raune ich ihr zu, nehme meinen Kaffeebecher hoch und erinnere mich.

Vor ein paar Jahren, mein Stammfriseur war nach einem Urlaub in Paris dann plötzlich Stylist und abtrünnig, und ich saß mit meinen Haaren sozusagen auf der Strasse ohne eine Ahnung, wem als nächstes mein Vertrauen zu schenken wäre. Da ging ich an diesem kleinen Laden vorbei und irgendwas in mir, wahrscheinlich meine Haare, sagten : STOPP, und ich betrat diesen kleinen Laden, welcher ganz in Pink und Gold eingerichtet und besprüht ist. Miss Kitten gröhlte in Clublautstärke, und als mich eine der Friserurinnen mit einem Kopfnicken bat, mein Anliegen zu äußern, brüllte ich ihr „Schneiden+ Strähnen“ entgegen und schickte das Fragezeichen quasi mimisch hinterher.
Sie nickte zweimal. Einmal war für „ja“ und das andere deutete auf die Sitzmöglichkeiten auf der Fensterbank, wobei ich das Wort „Möglichkeit“ noch einmal feste Betonen möchte.
Da sass ich dann zwei Stunden und hörte Techno.
Ich versuchte, trotz 210 Beats pro Minute einen halbwegs rhythmischen coronaren Ablauf einzuhalten, und bekam von dem auf mich übergreifenden Kondenswasser der Schaufensterscheibe einen nassen Rücken und ernsthaft gefährdete Nieren.
Den einzig männlichen Stylist in diesem Laden übermannten irgendwann die Restdrogen vom Wochenende, und so fing er an diesem Montag plötzlich an, sehr glücklich dreinzuschauen und tanzte einmal zur Anlage hin, drehte das Volume auf sehr high, und tanzte zurück zu seiner Kundin, die ebenfalls sehr entrückt in ihrem Stuhl zuckte. Ich dachte damals reflexartig darüber nach, einfach so zu gehen.
Noch während ich mir einen geeigneten Zeitpunkt plus einer vielleicht nötigen Ausrede überlegte, flog die Eingangstür auf, und rein kam eine Frau, so etwas über einen Meter Körpergröße, den Rest mehr so auf die Seiten verteilt und blafft mich an: Bist du für mich ?
Ich: Neee, quatsch.
Sie: Moment, das klär ich eben mal.
Auf dem Weg zum scheinbar heiligen Kabuff dreht sie die Anlage leiser, und ab da mag ich sie irgendwie. Sie hat die Kabufftür nicht geschlossen, und ich kann sehen, wie sie mit drei gezielten Bissen einen Burger mit viel Ketchup erlegt, dann mit zwei Zügen eine Zigarrette inhaliert und als sie rauskommt lese ich auf ihrem Rücken die Tourdaten 2001 einer Metal Band names SODOM.
Meine Zweifel, ob in diesem Laden jemand meine Wünsche versteht raufen sich langsam wieder zusammen und trauen sich nach vorn, an die Front.
Währenddessen reißt meine neue Stylistin ihre Arme nach oben und macht ihren Dutt auf. Sofort fällt knapp ein Meter Haar an ihr herunter, was so viel bedeutet wie: sie hatte eine Frisur, die Bekleidung an sich überflüssig macht.
Einmal in Form schütteln, Shirt und SODOM verschwinden unter dem Dunkel und mit eiserner Miene kommt sie auf mich zu.
„Hi, ich bin Beverly.“
Äh, hi. Lu, sage ich und bin froh, dass mir nicht BETTY SUE rausrutscht.

In knappen Sätzen erkläre ich ihr was ich gerne hätte. Sie sagt gar nichts, hält nur permanent meine Haare in einer Hand, zieht daran und macht so was wie einen Schmollmund.
„Gebongt“ sagt sie dann. „Kein Thema.“

Na dann.
„Erst mal schneiden, dann muss ich nicht so viel Farbe verhunzen“ sagt sie, und schubst mich höflich aber bestimmt in Richtung Waschbecken.
Ich muss dazu sagen, dass mir diese Waschbecken suspekt sind, seitdem ich mal gehört habe, dass der Mensch in diesen ganz gerne einmal -dank abgeklemmter Blutzufuhr- kollabiert. Daran muss ich seitdem immer denken, wenn ich in so einer Schüssel liege, und bin dann natürlich ganz doll entspannt.
Beverly macht währenddessen ganz ihren Job und foltert meine Kopfhaut mit einer Waschmassage unter heißem Wasser. Durch einen Mix, der sich anhört wie Spülmaschine contra Beach Boys, schreit sie mich mich einem „Temperatur okay? “ an, worauf ich nur versuche zu nicken ohne mir meine Hauptschlagader abzudrücken. Ich hatte aufgegeben, und das schon am Anfang.
Der Stylist hatte derweil seine zweite Samstagsrückkopplung und tanzte erneut völlig befreit zur Anlage, drehte auf Anschlag und tanzte ins Kabuff, Kaffee trinken.
Kurze Zeit später saß ich mit einem schwarzen Handtuch auf dem Kopf unter einer Plastikplane, und Beverly hatte sich auch eben schnell zurechtgemacht. Sie trat aus dem Kabuff in einer schwarzen Lackschürze und erinnerte mich an eine Rubber-Maid.
„Blau war richtig ne?“ fragt sie mich toternst.
Wäre ich nicht wie eine Wurst in Folie eingepackt gewesen, ich schwöre, ich wäre losgerannt, aber so sass ich nur da und brüllte „NEIN, BLOND UND ROT“ in den Raum. Genau da war die CD am Ende, und alle hielten kurz inne und starrten mich abschätzend an, ob die Farbwahl denn überhaupt zu mir passen würde. Ich seufzte tief und sank unglücklich tiefer in meine Folie.
„Warn Scherz“ lachte Beverly plötzlich auf, ging zur Anlage, griff dabei in ihre Tasche und nahm eine CD raus.
Auwei, dachte ich, jetzt wird’s hektisch.

Was soll ich sagen ? Die nächste Stunde strähnte sie mir zu Ramones-Klängen alles genau so, wie ich es wollte. Wir klönten über Musik, ich gab mächtig mit meinen vergangenen Konzertbesuchen an, von wegen Guns and Roses vor 50 Leuten und so, sie gab mächtig mit ihrer musikalischen Verwandschaft an, von wegen Guns and Roses am Abendbrottisch und so, wir waren auf dem selben Metallica Konzert und begannen, uns lieb zu haben.
Seit drei Jahren ist Beverly nun schon „meine“ neue Friseurin,
und ich habe immer wieder ungezügelten Spass, wenn ich die Blicke von Neuen beobachten kann die Bev das erste mal sehen und hektischen Blickes den Notausgang suchen.